Ein Friede in Palästina braucht den starken Druck Europas auf Israel

35 Sentenzen zum Konflikt um das historische Palästina[1]

1. „Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / als ein Gespräch von Krieg und Kriegs­geschrei, / wenn hinten, weit in der Türkei, / die Völker aufeinanderschlagen“ lässt Goethe im Jahr 1808 seinen „Bürger“ während des Osterspaziergangs im Faust, 1. Teil sagen.

Diese emotional unberührte Haltung einer Bevölkerungsmehrheit zu fernen Kriegen und die implizit eurozentristische Sicht, welche die Rolle des europäischen Kolonialismus dazu völlig ausblendet, hat sich seit Goethes Zeiten nicht geändert. Anders als vor 210 Jahren schließt diese Position heute aber ein erhebliches Stück Selbstgefährdung mit ein. In der Welt als globalem Dorf gibt es kein „weit hinten in der Türkei“ mehr. Geographisch ferne, große und ungelöste politische Probleme liegen heute „gleich ums Eck“, nur ein paar Flugstunden von uns entfernt. Der 11. 09. 2001 in New York war dafür ein Fanal.

2. Dies gilt vor allem für die Konflikte im westasiatischen und nordafrikanischen Raum. Hier geht es nicht nur um den Zugriff auf das Öl, den Lebenssaft unserer nach fossiler Energie süchtigen,  hochtechnisierten Zivilisation. Sondern hier treffen die manifesten wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen des Westens in Form einer neokolonialen Politik auf die Interessen, Kulturen und Religionen der arabischen, persischen und türkischen Völker und auf eine durch den Ölreichtum vor allem finanziell stark entwickelte Basis. Im Bündnis mit den neokolonialen Interessen des Westens handeln fast alle Eliten dieser Völker und Staaten ihrerseits autokratisch oder diktatorisch gegen die objektiven Interessen ihrer eigenen Bevölkerungsmehrheiten.

3. Dies macht die Herrschaftsstrukturen in unserer südöstlichen geopolitischen Nachbarschaft brü­chig und anfällig für innere Umwälzungen und Interventionen von außen. Sieht man einmal von Tunesien und aktuell vom Sudan ab, so wurden die arabischen Rebellionen niedergeschlagen und ihr demokratischer Antrieb durch autoritäre Regime brutal gestoppt oder endeten in auch von außen mitbefeuerten Bürgerkriege mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung. Freilich sind das aber nur erste Zwischenschritte in einem absehbaren Prozess langfristiger Unruhe und Transformation im arabisch-nordafrikanischen Raum.

4. Diese Entwicklungen haben massive Auswirkungen auch auf Europa. Teilweise sehen sich die alten europäischen Eliten und eine massenmedial gelenkte Öffentlichkeit herausgefordert, ihre Do­minanz im nordafrikanisch-südwestasiatischen Raum mit militärischer Gewalt aufrecht zu erhalten (siehe etwa die Rolle zahlreicher EU-Staaten, vor allem aber von Frankreich und Großbritannien in den Kriegen im Irak (seit 2003), in Libyen (seit 2011), Syrien (seit 2011) und Jemen (besonders seit 2015). Zusätzlich zu dieser Wandlung europäischer NATO-Staaten zu offen aggressiven Kriegsparteien schlagen aber die Rückwirkungen der westlichen Machtprojektionen in fataler Weise direkt und breit auf die europäischen Gesellschaften durch. Die durch die blutigen Kriege und Bürgerkriege in Afghanistan, Irak, Ägypten, Jemen, Lybien, Eritrea, Mali, Nigeria, Somalia, (Süd-)Sudan, Syrien, Tschad und in der Westsahara ausgelösten Migrationsbewegungen sind zwar nur mit ihren Ausläufern in Mittel- und Nord- und Westeuropa angekommen, haben aber in fast allen EU-Staaten zu einer massiven Stärkung rechtsnationalistischer und faschistoider Politiken geführt. Geschürte Angst vor dem und den Anderen bis hin zum offenen Fremdenhass bestimmen die politische Agenda und überdecken tatsächlich dringlichere Lebens- und Überlebensfragen wie die Problematiken des Klimas und die global rasant wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Im Banne einer überdimensioniert herbeiphantasierten Terrorangst wird eine weitgehende „Versicherheitlichung“ von Lebensbereichen, werden demokratiegefährdende Überwachungs-systeme und Aufrüstungspläne durchgesetzt.

5. Von besonderer globaler Sprengkraft ist dabei der Konflikt zwischen Israel und den PalästinenserInnen. Die Staatsgründung und Landnahme Israels stellt sich je nach den jeweiligen  Interessenlagen und den Mehrheitsverhältnissen gegensätzlich dar. Im Westen, der sich als säkular-aufgeklärt bis jüdisch-christlich verstehen will, stellen nach dem Ausrottungsversuch des Judentums durch die nationalsozialistische Barbarei die heute im kolonisierten Palästina gegebenen Verhältnisse für viele EuropäerInnen zwar keinen guten, aber einen weitgehend rechtfertigbaren Zustand dar. Hingegen erleben viele Menschen im mehrheitlich islamischen, vor allem arabischen Raum die Ereignisse als fortgesetzte Demütigung durch eine arrogante, wirtschaftlich und militärisch überlegene Politik des Westens.

6. In der Beurteilung der aktuellen Konfliktlage ist es dabei wichtig, sich den Blick auf die größeren Zusammenhänge und die notwendigen Lösungsansätze weder durch grausame Einzelaspekte der Auseinandersetzung noch durch geschickte politische Spiegelfechtereien verstellen zu lassen. Die für die westliche Öffentlichkeit wirkmächtigste dieser politischen Nebelwerfereien besteht nach wie vor der Strategie der zionistischen Politik und Propaganda (siehe im Internet die Begriffe „Hasbara“ und „Sayanim“) Israels drückende Politik der Besatzung, der fortgesetzten völkerrechtswidrigen Landnahme, der kolonisierenden Besiedlungen und Vertreibungen als „sicherheitsrelevante Not­wehrhandlung“ darzustellen und daher befugt zu sein, sämtliche kritische Einsprüche von innen und außen konsequent negieren zu dürfen. Und parallel dazu: Es unterlassen zu dürfen, der pa­lästinensischen Seite ein realistisch verhandelbares Freiheits- und Friedensangebot zu machen.

7. Israels Vorbedingungen für Friedensgespräche, die bedingungslose Anerkennung seiner Exis­tenz in den Grenzen der Waffenstillstands-Vereinbarungen von 1949 („Grüne Linie“) stellt für eine Mehrzahl der PalästinenserInnen - emotional und mental gesehen - insofern kein grundsätzliches Friedenshindernis mehr dar, als diese Anerkennung von der Palästinensischen Dachorganisation PLO erstmals implizit 1988 in Algir erfolgte und 1993 durch eine entsprechende formelle Erklärung Yassir Arafats bestätigt wurde. Das war Basis der Oslo-Friedensverhandlungen. Die palästinensi­sche Seite hatte damit auf mehr als 3/4tel des bis 1900 vollständig und 1947 noch zu 93 Prozent im nichtjüdischem Eigentum stehenden Bodens verzichtet.[2]

8. Ein wachsender Teil der palästinensischen Gesellschaft weigert sich aber diesen Schritt der Arafat-Administration einfach zu wiederholen und ihre Zukunft in einer Zweistaatenlösung zu sehen. Das ist nachvollziehbar, weil es zu den prägenden Erfahrungen der PalästinenserInnen gehört, dass ihnen Arafats Sprung über den eigenen Schatten von Israel nicht honoriert wurde. Zu zynisch wurde die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland und Ostjerusalem sogar während des Friedensprozesses ungebremst fortgeführt. Zu deutlich wurden die seinerzeit mit dieser Erklärung verbundenen Hoffnungen auf einen eigenen lebensfähigen Staat mit Ostjerusalem als Hauptstadt enttäuscht. Zu konsequent wurde der Versuch weiter getrieben, die PalästinenserInnen mit zahllosen Maßnahmen der Militärverwaltung aus Ostjerusalem und der Zone C des Westjord­anlandes zu verdrängen. Zu offensichtlich versucht die Israelische Armee täglich durch demütigende Schikanen an hunderten Checkpoints PalästinenserInnen in eine Sphäre der Minderwertigkeit und Rechtlosigkeit zu drücken.[3] Zu deutlich steht der palästinensischen Bevölkerung der von Israel errichtete Sperrwall[4] – großteils weit jenseits der „Grünen Linie“ - als Symbol des weitergehenden Raubes von Land und Wasserressourcen täglich vor Augen. Zu gezielt läuft die israelische Politik darauf hinaus, einen lebensfähigen palästinensischen Staat zu verunmöglichen[5] und sie auf Dauer zu Bittstellern innerhalb ihres eigenen ehemaligen Heimatlandes zu machen. Und zu schmerzhaft haben sie in Erinnerung, wie die Israelis Arafat nach dem Scheitern des Oslo-Prozesses im Zuge der 2. Intifada seinem eigenen Volk als hoffnungslosen „Verlierer“ vorgeführt haben – 2002 von israelischen Panzern umstellt, bei Kerzenlicht ohnmächtig im Keller seiner Residenz in Ramallah sitzend …….

Neben der Korruption in den Reihen der Fatah, der offensichtlichen Kollaboration der PA[6]-Führung mit der israelischen Regierung und dem starken sozialen Engagement der Hamas[7], waren es diese kollektiven Erfahrungen, die im Jänner 2006 bei den Wahlen zum gesamtpalästinensischen Le­gislativrat (= Parlament) zur Niederlage der laizistischen PLO und zum Wahlsieg der religiösen Hamas führten.[8]

9. Die politische Führung der Hamas lehnt die formale Anerkennung Israels in den Grenzen von 1948 bis heute ab. Sie weiß, dass sie ihr einziges Faustpfand, den programmatisch-formelle Aner­kennung des Staates Israels, nicht noch einmal als Vorleistung für Friedensgespräche aus der Hand geben darf. Dieses essentielle Zugeständnis kann aus ihrer Sicht nur im Abtausch mit einer Erklärung der Bereitschaft Israels zum Rückzug hinter die Grenze von 1949/1967 (die „Grüne Linie“) erfolgen, kann also nur Teil eines kommenden Friedensvertrages sein. Namhafte Vertreter der Hamas – so etwa der im katarischen Exil lebende Khaled Mashal - haben das in mehreren Er­klärungen deutlich zum Ausdruck gebracht. Mehrfach hat die Hamas auch ihren Willen erklärt, als Interimslösung mit Israel zu einem langfristigen Waffenstillstandsvertrag zu kommen.

10. Hinzu kommt: In der Hoffnung, seinen Besitzstand durch fortgesetzte Landnahme doch noch Stück um Stück vergrößern zu können, hat Israel seine eigenen Staatsgrenzen bis heute nicht endgültig festgelegt. Noch immer ist die Maxime der Regierungspolitik Israels jene, die David Ben Gurion schon 10 Jahre vor der Staatsgründung formulierte: „Es geht nicht um einen jüdischen Staat in Palästina, sondern um Palästina als jüdischen Staat!“. Wer angesichts dieser langjährigen, entschlossen auf ein „Großisrael“ zielende Realpolitik der Zionisten von den Palästinensern eine neuerliche Zusicherung der Anerkennung Israels als Vorbedingung für einen Frieden fordert, ist darauf aus, die palästinensische Seite schon vor Verhandlungsbeginn noch einmal zu schwächen.

11. Einen exklusiv jüdischen Nationalstaat im gesamten Palästina zu schaffen, war und ist seit Herzl das Kernprojekt des Zionismus. Eine Zeit lang gab es zwar einen Streit zwischen den Links- und den Rechtszionisten, wo dessen Grenzen verlaufen sollten. In der Erwartung, aus dem 1. Weltkrieg als Sieger hervorzugehen, hatte Großbritannien 1917 in der Balfour-Deklaration den Zionisten zugesagt, ihre Pläne, in Palästina eine „nationale Heimstatt“ zu schaffen „nach Kräften zu unterstützen“.[9] Während die „Revisionisten“[10] diese Zusage auf das ganze historische Palästina zu beiden Seiten des Jordans bezogen, beschieden sich die Linkszionisten zumindest in ihrer offiziell realpolitischen Orientierung mit dem Gebiet westlich des Jordans. Die zwei blauen Streifen oben und unten in der Nationalfahne Israels bringen die Problematik deutlich zum Ausdruck. Für die Rechtszionisten symbolisierten sie den Nil und den Euphrat[11], das angepeilte „große Großisrael“, für die Linkszionisten das Mittelmeer und den Jordan, das „kleine Großisrael“. An dieser letztgenannten Vision hält die Politik Israel bis heute unbeirrt fest.

12. Der UN-Teilungsplan vom 29. Nov. 1947 sprach den Juden, die damals ca. 1/3 der Bevölkerung westlich des Jordans ausmachten und 7 Prozent dieses Landes in Besitz hatten, ca. 56 Prozent des historischen Palästina – darunter einen Großteil der sehr fruchtbaren Küstenebene - als Staatsgebiet zu. Obwohl die Umsetzung des Beschlusses erst per 15. Mai vorgesehen war, begannen zionistische Milizen sofort dieses Gebiet militärisch zu sichern und teilweise ethnisch zu säubern. Auch die arabisch-palästinensische Bevölkerung und die arabischen Nachbarstaaten wollten sich aus nachvollziehbaren Gründen mit dieser Teilung nicht abfinden. Auch palästinensische Milizen überfielen jüdische Siedlungen. Und unmittelbar nach der Staatsgründung Israels nahmen Truppen der arabischen Nachbarstaaten Kriegshandlungen auf.[12] Im Zuge dieses  Krieges erweiterte Israel sein Staatsgebiet auf 78 Prozent[13]. Mit Massakern in mehr als 30 arabischen Dörfern[14] vollzog Israel die von der zionistischen Führung im „Plan Dalet“ systematisch geplante[15] und weitgehende ethnische Säuberung palästinensischer Gebiete. Ca. 750.000 PalästinenserInnen wurden so in die Flucht getrieben. Ungefähr 430 ihrer Städte, Dörfer und Weiler wurden entvölkert und zerstört. Daher bezeichnen die Araber Palästinas bis heute das, was die Israelis als „Befreiungs-„ oder „Unabhängigkeitskrieg“ nennen, als „Nakba“, „die Katastrophe“. Unter diese verbliebenen 22 Prozent ihres ehemaligen Landes wollen und können die PalästinenserInnen verständlicherweise nicht mehr gehen. Mit der Annexion Ostjerusalems (1980), dem fortgesetzten Siedlungs- sowie dem Mauerbau jenseits der Waffenstillstandslinie von 1949 („Grüne Linie“) ist aber von Seite Israels genau das angepeilt. Der Rest, auf dem dann ein selbständiger Staat Palästina entstehen sollte, wäre auf weniger als 20 Prozent reduziert, zerstückelt durch Dutzende israelische Siedlungen und Straßenverbindungen, beraubt um die wichtigsten Wasserressourcen und amputiert um das Herz Ost-Jerusalem – ein nicht lebensfähiger Marionettenstaat von Israels Gnaden.

13. Natürlich betont auch Israel häufig seine Friedenswilligkeit. Die doppelbödige Eigentümlichkeit dieser Rede kann man an verschiedenen Beispielen plastisch darstellen. Drei davon seine genannt:

  • Mit Ägypten (1979) und Jordanien (1994) kam Israel zu Friedensverträgen. Auf Seite Israels war die Voraussetzung für diesen zwischenstaatlichen Frieden aber jeweils, dass die beiden arabischen Staaten auf ihre Schutzfunktion gegenüber den PalästinenserInnen wei­testgehend verzichtet haben und Israel in der zentralen Problematik der Palästina-Frage freie Hand behielt.
  • Im Juli 2000 scheiterten die unter US-Präsident Clinton in Camp David geführten Gespräche über ein „endgültiges Abkommen“ zwischen dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak und Palästinenserführer Yassir Arafat. Kraft seiner überlegenen Medienmacht gelang es Israel in der globalen Öffentlichkeit dafür Arafat allein die Schuld zuzuspielen. Er (Barak) habe Arafat das denkbar beste, großzügigste Angebot unterbreitet, dieser habe es abgelehnt. Selbst zahlreiche israelische AnalystInnen kamen freilich zu einem völlig anderen Ergebnis:[16] Die USA haben nicht als fairer Vermittler, sondern als Parteigänger Is­raels agiert. Barak verweigerte sowohl direkte Verhandlungen mir Arafat, als auch seine von den US-Unterhändlern überbrachten Vorschläge schriftlich vorzulegen. Gemeinsam habe man versucht Arafat zu einer Unterschrift unter ein Friedensdiktat zu zwingen. Weder in der Frage des Rückkehrrechts der Flüchtlinge, noch in der Jerusalem Frage, sei Barak zu ernst­haften Zugeständnissen bereit gewesen. Barak wollte weitere 10 % der Westbank annektie­ren und noch einmal ca. 10% für eine Zeit von 100 Jahren pachten. Arafat hätte die völker­rechtlich sichere Basis der UN-Resolutionen 242 und 338 die Grundlagen des Oslo-Prozes­ses verlassen müssen, ohne dafür einen lebensfähigen Staat zu bekommen.
  • In ähnlicher Weise verkaufte Israel seinen einseitigen Rückzug aus dem Gaza im Jahr 2005 als Zeichen seiner von den PalästinenserInnen „unbedankt gebliebenen Friedensbe­reitschaft“. Tatsächlich war der Hintergrund ein ganz anderer. Im Zuge der blutigen Ereignisse der 2. Intifada hatten sich einflußreiche, aber nicht (mehr) direkt in hohen politischen Funktionen tätige Persönlichkeiten beider Seiten in Genf zusammengefunden, um einen Friedensplan auszuarbeiten. Ein Entwurf eines Abkommens über den endgültigen Status zweier getrennter Staaten wurde ausgearbeitet, und am 1. Dez. 2003 der Weltöffentlichkeit präsentiert. Ein wesentlicher Punkt der Übereinkunft hätte darin bestanden, dass Israel bestehende Siedlungen für ca. 110.000 Siedler im palästinensischen Territorium räumt. Ministerpräsident Ariel Sharon fürchtete, dass er unter dem Druck der US-Regierung unter George Bush jun. gezwungen werden könnte diesem Vertragsentwurf zuzustimmen. Als Reaktion darauf gab er im Februar 2004 seinen Rückzugsplan aus Gaza bekannt. Damit verabreichte er dem politisch in Fahrt gekommenen Friedensprozeß jenes Quantum an „Formaldehyd“, das nötig war, um ihn stillzulegen.[17]

14. So wie schon in der Zeit vor Oslo, heißt es von Seite aller Regierungen Israels seit dem endgültigen Scheitern des Oslo-Prozesses wieder, man habe auf Seite der Palästinenserinnen keinen Partner für einen Frieden.[18] Eine für die Internationale Öffentlichkeit gedachte Propagandaposition. Sie ist auch deshalb unglaubwürdig, weil die jüngeren Regierungen Israels, Versuche der beiden palästinensischen Lager, PLO und Hamas, eine Einheitsregierung zu bilden stets mit Drohungen und Restriktionen gegenüber der PA beantwortet wurden (Abbruch der Kontakte, Zurückhaltung von Zoll- und Steuereinnahmen, etc.). Beispielsweise kam es im Jahr 2014 zur Bildung einer Palästinensischen Einheitsregierung von Technokraten. So wie schon etliche Male vorher – etwa bei der Konferenz von Lausanne (1949), gleich nach dem Sieg im „Sechs-Tage-Krieg“ (1967), der Zurückweisung der Initiative der Arabischen Liga (2002 und 2007) - wurde diese Chance auf ernsthafte Zugeständnisse als Voraussetzung für einen Frieden von Seite Israels nicht genutzt.[19]

15. Umso wichtiger erscheint daher die Haltung der EU. Zusammen mit den deutschen Bundes­kanzler Willi Brand und dem schwedischen Premier Olaf Palme hat Bruno Kreisky in den 1970er-Jahren Arafat und die PLO als legitime Repräsentanten der PalästinenserInnen anerkannt und da­durch auch das Ende des damals international agierenden palästinensischen Terrorismus eingelei­tet. Im ähnlichen Sinn ist unsere Bundesregierung heute gefordert eine innereuropäische Vorrei­terrolle zu übernehmen und die Initiativen der palästinensischen Seite im Rahmen internationaler Organisationen entschlossen zu unterstützen. Bar jeder historischen Erfahrung und politischen Weisheit geschieht freilich das Gegenteil. Kurz/Strache agierten gegenüber Israel noch willfähriger als die meisten ihrer Vorgängerregierungen, ein wesentlicher Qualitätssprung ist nicht absehbar.[20]

16. Der israelischen Regierung ist von Seite der EU deutlich vor Augen zu führen:

  • Das Völkerrecht bindet Staaten an allgemeine Normen. Auch für Israel kann es hier keine Ausnahmen geben. Die Besatzung palästinensischen Landes ist daher zu beenden.
  • Ohne Freiheit für die PalästinenserInnen ist auch eine dauerhafte Sicherheit für die im arabischen Raum lebenden Juden schwer vorstellbar.
  • Jemanden, mit dem man tatsächlich Frieden schließen will, darf man nicht fortgesetzt de­mütigen.
  • „Frieden machen kann ich nur mit einem Feind“ (Uri Avnery). Die Hamas, mit der Israel natürlich ohnehin immer wieder in Verhandlungskontakten, muss in Friedensverhandlungen einbezogen werden.
  • Angesichts ihrer eigenen militärischen Stärke und mit den uneingeschränkten Unterstüt­zung der USA und Sicherheitsgarantien der EU und Russlands im Rücken wird Israel seine staatliche Existenz zwar noch einige Zeit sicherstellen können, ein weiterhin ausbleibender Wille Israels zu einem Frieden einigermaßen auf Augenhöhe mit dem palästinensischen Volk, wird die israelische Gesellschaft aber in ihrer die Araber ausschließenden judeozentrisch deformierten Demokratischen von innen her zerstören. Dass dort – ohne nennenswert kritische Reaktion der EU! - mit den Parteien „Unser Haus Israel“ (Israel Beitenu)[21] und „Jüdisches Heim“(HaBajit haJehudi)[22] und der homophoben ultraorthodoxen „Shas“ immer wieder drei noch rechts von Natanyajus rechtsnationalistischer Likud-Partei angesiedelte Kräfte an der Regierung beteiligt waren, ist nur eines der Vorzeichen dafür.

17. Mit der Administration Trump hat sich die Unterstützung Israels noch einmal verstärkt. Die „alte“ Zweistaatenlösung, an der die PA, die UN, die EU und Russland noch festhalten, wurde für überholt erklärt. Trumps versprochener neuer „ultimativer Friedensplan“ wurde bis dato nicht vorgelegt. Klar ist aber, dass es ein Plan sein wird, der den weitreichenden Interessen Israels nach alleiniger Dominanz zwischen Mittelmeer und Jordan entspricht. Die Anerkennung von ganz Jerusalem als alleinige Hauptstadt Israels, die starke Behinderung der Aktivitäten der palästinensischen Flüchtlingshilfeorganisation UNWRA durch die Streichung der US-Zahlungen und die Zustimmung zur Annexion der Golanhöhen und von großen Teilen des Westjordanlandes durch die US-Regierung sind Vorboten dieses Plans.

18. In Israel gewinnen die zionistischen Falken weiteren Auftrieb. Das von der Knesseth im Juli 2018 verabschiedete Nationalstaatsgesetz ist eine deutliche Wegmarke in diese Richtung. Zwei Varianten einer israelischen Wunschlösung seines „Palästinenser-Problems“ scheinen realistisch, wurden auch schon wiederholt von Koalitionspartnern Netanyahus gefordert und von ihm selbst im März 2019 selbst als „Zuckerl“ für seine rechtsnationalistische Wählerschaft angekündigt:

  • Israel annektiert die großen völkerrechtlich illegalen Siedlungsblöcke und einen Teil der so­genannte Zone C. Diese umfasst etwa 64 Prozent der Westbank aber nur ca. 6 Prozent der arabischen Bevölkerung. Die großen palästinensischen Städte der Zone A (= 18 Prozent der Westbank) bleiben als isolierte und vom israelischen Territorium umschlossene Klein­territorien bestehen. In ihnen wird den PalästinenserInnen eine beschränkte zivile Selbst­verwaltung zugestanden. Weitere 18 Prozent der Westbank blieben unter einer gemischten israelisch-palästinensischen Verwaltung. Gaza fände sich dann zum eigentlichen Staat Pa­lästina aufgewertet. Dieser könnte von Israel über eine dauerhafte Belagerung vollständig von außen kontrolliert oder aber – so das bereits geäußerte Ansinnen Israels - einem arabi­schen Staat zur Verwaltung übertragen werden.
  • Nicht ganz vom Tisch ist offensichtlich auch die Idee einer weiteren, nur mit brachialer Gewalt durchzuführenden, großen Vertreibung der arabischen Bevölkerung. So hat etwa die Israelische Sozialministerin Gila Gamliel (Likud) erst Ende November 2017 bei einem Besuch in Kairo die Idee eines Palästinenserstaates im Sinai ins Spiel gebracht.[23] Kairo winkte ab und Netanyahu dementierte wenig überzeugend: Gamiel habe nicht die Regierungslinie vertreten.

19. Jede der beiden „Lösungen“ wird in einer je spezifischen Weise zur weiteren dauerhaften De­stabilisierung des Mashrek[24] beitragen. Während bei jeder Variante der Besatzung, ob mit oder ohne weitere Annexionen, der palästinensische Freiheitskampf und seine Unterdrückung in teilweise auch blutiger Form weitergeführt werden wird, würde bei der Transfer-Variante neuerlich unendliches, mit Blut getränktes Leid entstehen und eine neuerliche Erhebung der „arabischen Straße“ könnte im gesamten Raum zu unabsehbaren Folgen und würde zur Gefährdung der Regimes in Kairo und Amman führen.

20. Vorboten dieser längerfristigen Selbstgefährdung sind für jene, die sie sehen wollen, heute schon deutlich sichtbar. Etwa in der inzwischen negativen jüdischen Einwanderungsbilanz.[25] Oder auch, wenn sich diese Gefährdung schon vereinzelt in Buchtiteln von Autoren niederschlägt, die in Israel selbst oder/und in der Diaspora zur zionistischen Elite zählen oder zählten: U.a. der ehema­lige Knesset-Vorsitzende Avraham Burg, Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss (2009), der orthodox-gläubige Historiker Gershom Gorenberg, Israel schafft sich ab (2012), der Historiker Moshe Zuckermann, Israels Schicksal. Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt (2014). Die längerfristig für Israel wahrscheinlich gefährlichste Vorbotin der Selbstge­fährdung ist seine zunehmende internationale Isolation, über die offensichtlich sogar ein propa­gandistisch auftretender Befürworter der Realpolitik Israels wie Stephan Grigat[26] nicht mehr hin­wegschauen kann. Ohne freilich, dass dies an seiner inhaltlichen Positionierung etwas geändert hätte, heißt sein 2014 erschienenes Buch „Die Einsamkeit Israels“.

21. Die Haltung der Europäischen Öffentlichkeit zu den Vorgängen in Israel/Palästina heute ist in zweifacher Hinsicht zwiespältig. Während in breiten Bevölkerungsschichten – und natürlich von Land zu Land unterschiedlich – Israels Politik zunehmend kritisiert wird und ein Verständnis für die Sache der PalästinenserInnen wächst, halten die politischen Eliten und die Mainstream-Medien in der Beurteilung der Vorgänge an einer grundsätzlich proisraelischen Haltung fest – bis hin zu An­gela Merkel und Sebastian Kurz, die Israel gar zum Teil der „Staatsräson“ Deutschlands bzw. Ös­terreichs erklärt haben. Da aber auch unsere Eliten über die Abgründe der Besatzungspolitik der „einzigen Demokratie im Nahen Osten“, ihre Völker- und Menschenrechtsbrüche und doppelbödi­gen Propagandastrategien nicht völlig hinwegschauen können, kommt es meist zu scheinbar zwie­spältigen Positionierungen. Viel Geld floss vor allem nach Oslo 1993 zur Unterstützung an die pa­lästinensische Autonomiebehörde, besonders in die Westbank. Etliche diese EU-finanzierten Pro­jekte wurden durch israelische Militäraktionen wieder zerstört. Israel in seinen häufigen Verletzun­gen des Internationalen Rechts, der Siedlungs-, Unterdrückungs- und fallweisen brutalen Vergel­tungspolitik[27] aber ganz entschieden entgegenzutreten, konnte sich die europäische Politik nie auf­raffen.[28] Vor allem scheut sich die EU-Politik, den staatstragenden Zionismus in seiner ideologi­schen Grundorientierung als jüdischen Chauvinismus kritisch in den Blick zu nehmen. Bis heute bleiben so dessen zwei menschen- und völkerrechtswidrigen Erbteile des europäischen Ko­lonialismus und Rassismus unterbelichtet - der Siedlerkolonialismus und die Apartheid[29].

22. Deutlich wird die Doppelbödigkeit der EU im Hinblick auf einen kritischen Umgang mit Israel auch am EU-Israel-Assoziationsabkommen. Dieses trat am 1. Juni 2000 in Kraft und räumte Israel weitgehende Handelsprivilegien ein. Im Artikel 2 des Vertrages heißt es: „Die Beziehungen zwi­schen den Vertragsparteien ebenso wie alle Bestimmungen des Abkommens beruhen auf der Ach­tung der Menschenrechte und der Grundsätze der Demokratie, von denen die Vertragsparteien sich bei ihrer Innen- und Außenpolitik leiten lassen und die ein wesentliches Element dieses Ab­kommens sind“. Und obwohl im Artikel 79 auch Sanktionsmöglichkeiten festgelegt sind, macht die EU trotz fortdauernder schwerer Menschenrechtsverletzungen im Gefolge der Besatzung der Westbank und der schweren Kriegsverbrechen im Zuge seines Gaza-Belagerungsregimes von diesen Sanktionsmöglichkeiten bis dato keinerlei Gebrauch.[30]

23. Die Scheu Europas und vor allem Deutschlands und Österreichs, das analytisch-kritische In­strumentarium der Aufklärung und des internationalen Rechts auch auf die Vorgänge der letzten 120 Jahre im „Heiligen Land“ anzuwenden, ist vor allem in jener Verantwortung begründet, die uns aus dem Menschheitsverbrechen des Holocaust erwächst.[31] Nicht nur in der bürgerlichen Mitte sondern auch in weiten Teilen der Europäischen Linken der Nachkriegszeit hat sich daraus ein unkritischer Philosemitismus entwickelt. Dieser hat oft auch großzügig darüber hinweg geschaut, dass schon zur Zeit der ungebrochenen Dominanz der Linkszionisten in der israelischen Politik (bis 1977) die Außenpolitik Israels eng mit etlichen menschenrechtsverachtenden Rechtsdikaturen kooperiert hat und teilweise sogar deren Geheim- und Folter-Polizeiapparate ausgebildet hat: Vom Schah-Regime im Iran, über brutale Diktaturen in Ostasien (Marcos auf den Philippinen), der Karibik (Rafael Trujillo in der Dominikanischen Republik), Lateinamerika (Somoza in Nicaragua, Pinochet in Chile) bis hin zum rassistischen Buren-Regime in Südafrika, dem Israel 1975 gar angeboten hat, Know-How für die Entwicklung einer Wasserstoffbombe zu liefern.[32]

Ungustiöse rechtsnationalistische Allianzen werden heute verstärkt weitergeführt. Enge wechsel­seitige Beziehungen pflegt Israel zu den europäischen Rechtsparteien und deren Führungsper-sonen (Le Pen, Orban, Salvini, Strache, Wilders, etc.). Aber auch offen faschistoide Regime wie jenes von Rodrigo Duterte auf den Philippinen, oder jenes von Javier Bolsonaro in Brasilien werden von der Regierung Netanyahu umworben und sind am internationalen Parkett enge Verbündete.

24. Nun kann es selbstverständlich unter Menschen mit einem auch nur einigermaßen entwickel­ten ethischen und historischen Bewußtsein über die uns aus dem Holocaust erwachsende Verant­wortung für das Wohlergehen von Menschen jüdischer Herkunft keine Debatte geben. Daher auch nicht über unsere bestehende Verantwortung für die heute auf dem Boden des historischen Paläs­tina lebenden Juden.

Die Frage ist aber, wie diese Verantwortung heute politisch konkret zu formulieren und praktisch umzusetzen ist? Klar ist, dass wir hier in einer doppelten Loyalität gefordert sind. Sie besteht so­wohl gegenüber den zwischen Mittelmeer und dem Jordan lebenden Jüdinnen als auch gegenüber den AraberInnen.

25. Das seit Jahrzehnten schwer unterdrückte und großteils um seine Heimat gebrachte palästi­nensischen Volk hatte die Suppe auszulöffeln, den der christlich-europäische und schließlich vor allem deutsch-österreichische Antisemitismus den Juden eingebrockt hatte. Es war Heinz Galinski, der ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden, der auch im Hinblick auf die Lage der Pa­lästinenserInnen darauf hingewiesen hat, dass er „Ausschwitz nicht überlebt hat, um zu neuem Unrecht zu schweigen“ und der auch die Nachfolger der Tätergeneration in Mitteleuropa aufgefor­dert hat, ihre Verantwortung unter anderem auch so zu verstehen. Im konkret gegebenen massi­ven Machtungleichgewicht zwischen JüdInnen und PalästinenserInnen kann es daher auch keine unkritische Parteinahme für Israel, ja nicht einmal eine Neutralität geben. Dem gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch und militärisch deutlich schwächeren[33] Teil gilt unsere primäre Solidarität. So weit als möglich haben wir auf der Bühne der internationalen Politik und Diplomatie ein Szena­rio herzustellen, in dem die palästinensische Seite auf dem Weg zum Frieden von der zionistischen Seite auf deren eigenen Augenhöhe wahrgenommen werden muss. Auf dem Weg dorthin ist es unerlässlich, der israelischen Palästina-Politik vermehrt und konsequent entgegenzutreten und dabei Maßnahmen bis hin zur konsequenten Anwendung jener Instrumente zu ergreifen, wie sie die im Jahr 2005 von 170 Organisationen der palästinensischen Zivilgesellschaft initiierte und in­zwischen international erfolgreiche BDS[34]-Bewegung empfiehlt.

26. Was aber bedeutet es in diesem Konflikt, unsere aus dem Holocaust erwachsene Verantwor­tung für Israel wahrzunehmen? Nun, es besteht kein Zweifel darin, dass sich die Israelis mehrheitlich[35] in einer Wagenburgmentalität eingegraben haben. Sie befinden sich in einem ideologischen Verblendungszusammenhang, dessen Kern eine faschistoide Ideologie der Nationalen Sicherheit bildet. Die Welt ringsum wird weitgehend nur mehr unter diesem Aspekt wahrgenommen. Eine bedingungslose Orientierung auf militärische Stärke und die Wahrnahme je­der Kritik als Feindschaft sind Teil dieser politischen Paranoia. Politisch repräsentiert wird diese  Mentalität heute von Ministerpräsident Benjamin „Bibi“ Netanyahu[36] und seiner Regierung.

Dieser Befund legt aus Europäischer Sicht zwingend eine grundsätzlich kritische Beurteilung der aktuellen Politik Israels nahe. Israel muss mit einer klaren Sprache des „So nicht!“ begegnet wer­den. Im letzten ist dies jener Dienst, den man auch einem Freund gegenüber zu leisten hat. Eine solch klare politische Haltung, Israels Politik und Gesellschaft aus seiner Sackgasse zu helfen, ist ein unaufhebbarer Teil unserer historischen Verantwortung. Es nicht zu tun, bei jeder Gelegenheit vor klaren Worten zurückzuscheuen, so zu tun, als könnte ein undefinierter Staat, der unter permanenter Missachtung des Völkerrechts die indigene Bevölkerung großteils vertrieben hat und  seit Jahrzehnten seiner grundlegenden Rechte beraubt, im zwischenstaatlichen Umgang, so wie etwa Bolivien oder Portugal, ein normaler Partner sein und auf das Setzen von teilweise auch schmerzhaften praktisch-politischen Konsequenzen zu verzichten, ist verantwortungslos.

27. Eine wesentliche Schwierigkeit, eine solche Politik in Europa und erst recht in Deutschland und Österreich umzusetzen, liegt darin, dass eine von Israel und von unkritisch proisraelischen Kreisen hierzulande ausgehende Propaganda relativ erfolgreich darin ist, Kritik an Israels Umgang mit der Frage der Freiheit für das palästinensische Volk undifferenziert als „antisemitisch“ zu brandmarken. Natürlich kann nicht bestritten werden, dass es speziell auch in Österreich eine antisemitisch motivierte und konnotierte Kritik an Israel gibt und dass auch Antizionismus antisemitisch unterlegt sein kann. Und weil es das gibt, gehört es zu Pflicht von KritikerInnen israelischer Politik, sich hinsichtlich der dahinterstehenden weltanschaulichen Zusammenhangs kritisch befragen zu lassen.

Zurecht hat aber Avi Primor, der ehemalige Botschafter Israels in Berlin – unter Anspielung auf Äsops Fabel „Der Hirtenjunge und der Wolf“ - wiederholt auf eine besondere Gefahr dieses „Alar­mismus“ hingewiesen: Wer allzu häufig grundlos „Der Wolf“ schreit, riskiert, dass dann, wenn er einmal wirklich kommt, niemand mehr darauf reagiert. Einmal ganz abgesehen davon, dass dies in Zeiten, in denen die Rechtsnationalisten Europas vermehrt nach Israel pilgern und deren Feind­bildbedürfnis sich längst zum Islam hin verlagert hat, zunehmend anachronistisch wirkt. Diese Strategie hat im wesentlichen drei Elemente: Einmal sattelt sie auf der einseitig-zionistischen Darstellung der Geschichte des Palästina-Konflikts auf. Aus psychosozial nachvollziehbaren Grün­den war es den Zionisten nach dem 2. Weltkrieg möglich, ihr Narrativ des Palästina-Konflikts[37] im allgemeinen und der Vorgänge rund um die Staatsgründung in Europa durchzusetzen. Hingegen blieb das palästinensische Narrativ weithin unbekannt und ist in seinen Details im öffentlichen Be­wußtsein bis heute wenig präsent. Zum anderen entwickelte die zionistisch-israelische Propaganda eine Taktik der Begriffsverwirrung: „Antizionismus“ (= Kritik am jüdischen Ethnozentrismus und Nationalismus, der Staatsideologie Israels) und „Israelkritik“ (= Kritik am Machtstaat Israel wegen dessen Besatzungspolitik) werden mit „Antisemitismus“ (= Hass auf Juden als Juden: eine tatsächlich gefährliche und politisch zu bekämpfende ideologische/soziopathologische Gesinnung) gleichgesetzt. Und drittens hat die Israelische Regierung für diese global betriebene Immunisierungsstrategie große Geldmittel bereitgestellt[38] und kann auf die Unterstützung einflußreicher proisraelischer Lobbys zählen.[39]

28. Natürlich bleibt auch Österreich von der Gefährdung des Menschenrechts auf Meinungsfreiheit durch die erfolgreiche Anwendung zionistischer Strategien zur Immunisierung Israels vor öffentlicher Kritik nicht verschont. Drei dieser Fälle ereigneten sich allein im Frühjahr 2016: Auf Druck unserer heimischen Israel-Lobby auf die Politik der Stadt Wien sah sich das von der Stadt subventionierte Kulturzentrum Amerlinghaus gezwungen, den OrganisatorInnen der Anti-Apartheid-Woche[40] die bereits getätigte Raumzusage wieder zu entziehen. Auf Druck derselben Kreise untersagte Na­tionalratspräsidentin Doris Bures Anfang März 2016 der Holocaust-Überlebenden Hedy Epstein[41] bei einer Veranstaltung zum Internationalen Frauentag im Parlament eine Rede zu halten. Im selben Kontext warnte der Standard am 1. März in einem Kommentar des israelischen Journalisten Benjamin Weinthal vor einer zunehmenden Dämonisierung Israels und entblödete sich dabei nicht, die von der EU-Kommission verfügte (zahnlose, weil kaum zu administrierende) Kennzeichnungspflicht für Importwaren aus den Illegalen israelischen Siedlungen mit dem Nazi-Hetze „Kauft nicht bei Juden!“ gleichzusetzen.[42]

Ein jüngsterer Fall: Ronnie Kasrils, einem hochbetagten jüdisch-südafrikanischen Politiker, Mitstreiter Mandelas gegen die Apartheid des Burenstaates und Kritiker der israelischen Besatzung, wurde von Seite der Stadt Wien die bereits vertraglich für den 29. März 2019 vereinbarte Vortrags­möglichkeit in einem öffentlichen Raum entzogen[43], siehe https://www.theguardian.com/commentisfree/2019/apr/03/israel-treatment-palestiniansapartheid-south-africa .

Auch die Steirische Friedensplattform war bei kritischen Veranstaltungen zu Israels Besatzungs­politik in Graz wiederholt damit konfrontiert, dass auf die Raumvermieter Druck ausgeübt wurde, sie mögen „dem Antisemitismus nicht Vorschub leisten“ und sollen ihr daher „den Raum wieder entziehen“. Zuletzt waren die steirischen Protektoren der Besatzungpolitik Israels im Mai 2019   erfolgreich, als die Universität Graz den lokalen Veranstaltern den bereits zugesagten Raum für einen Vortrag der palästinensischen Knesseth-Abgeordneten Haneen Zoabi wieder entzog.

29. Es ist wohl vor allem dieser Hintergrund, der der Europäischen Politik den Mut nimmt, in ihrem Umgang mit Israel Klartext zu sprechen. Stattdessen beugt man sich ängstlich und willfährig den Interessen der ethnozentrischen Politik Israels und ihrer europäischen Lobbys.[44] Man orientiert sich bei Abstimmungsverhalten in internationalen Gremien überwiegend an den Interessen der is­raelischen Regierungen und der sie bedingungslos unterstützenden USA. Die EU gewährt Wirt­schafts- und Handelsbegünstigungen. Man kooperiert eng bei verschiedenen technischen For­schungsprogrammen, z.B. bei der Drohnen (Aeroceptor, INDECT). Im kommenden, stark an  Rüstungs- und Sicherheitsinteressen ausgerichteten EU-Forschungsprogramm 2021-2027 sind israelische Rüstungsfirmen stark eingebunden. Das Bundesheer des „neutralen“ Österreich ging im Jahr 2008 mit der Besatzungsarmee Israel Defense Forces / IDF gar eine „Ausbildungskooperation“ ein. Und offensichtlich lud die türkis-blaue Bundesregierung 2018 die private Sicherheitsfirma „International Security Academie – Israel“ ein, in Mureck an der steirisch-slowenischen Grenze ein – inzwischen wieder geschlossenes - dauerhaftes Schulungscamp zu errichten.

Der Wille, der unseligen Machtpolitik Israels aus der Verantwortung für unsere eigene Täterge­schichte heraus zu widerstehen, sollte aber aus einem weisen Umgang mit der Geschichte zu ge­winnen sein. Auch und gerade gegenüber den langfristigen Lebensmöglichkeiten der Juden in ihrer arabisch-muslimisch-christlichen Nachbarschaft.

David Ben Gurion hat in seinen Kriegstagebüchern einmal folgende historische Weisheit niederge­schrieben: „Jedes Schulkind weiß, dass es in der Geschichte so etwas wie einen endgültigen Zu­stand nicht gibt -  …..  (auch) nicht in bezug auf Grenzen. In der Geschichte ist, wie in der Natur alles unablässig im Fluß und im Wandel begriffen.“[45]

Ben Gurions Aussage galt unduldsamen rechtszionistischen KritikerInnen. Er wollte sie darauf ein­stimmen, jetzt einmal einen Teil Palästinas als Jüdischen Staat zu nehmen, dabei aber nie das Ziel aus den Augen zu verlieren, bei günstiger späterer Gelegenheit den jüdischen Staat mit dem Einsatz von Gewalt auf ganz Palästina auszudehnen.[46] Es liegt im Kontext dieses Zitats, wenn man darauf hinweist, dass natürlich eine vorwiegend auf militärische Stärke gestützte Politik sich auch einmal in die andere Richtung entwickeln kann.

Langfristig nicht völlig auszuschließen ist daher auch die Gefahr, dass Israel bei einer Fortsetzung seiner Politik seine Chance vergibt, einem großen Teil der dort lebenden JüdInnen im arabischen Raum dauerhaft eine sichere Heimat bieten zu können. Das ist nicht bloß ein ahistorisches Hirngespinst: Von 1099 an gab es genau auf dem heute zwischen Juden und Arabern umkämpften „heiligen“ Landstrich das von den Kreuzzügen der Christen geschaffene „Königreich Jerusalem“. 200 Jahre später war mit dem Fall der Festung Aruad (1303) der letzte Rest dieses politischen Gebildes wieder verschwunden. Die Christen hatten es nicht verstanden mit ihrer nichtchristlichen Umgebung einen friedlichen Ausgleich zustande zu bringen.[47] Das muslimisch-maurisch beherrschte, multikulturelle und multireligöse Andalusien des Hochmittelalters bietet dazu ein positives Gegenbild.

30. Gewiß, Israel heute ist in vielerlei, vor allem aber in militärischer Hinsicht ein starker Staat. Mit der Stärke seines Militärs und der Macht seiner Waffen wird es seine Politik noch eine Zeit lang er­folgreich führen können.[48] Aber wie lange? 15 Jahre? 30 Jahre? 2048 würde es sein 100-jähriges Gründungsjahr als Judenstaat feiern. Mag sein, ist aber unwahrscheinlich. Dass es aber mit dieser Politik die 200 Jahre Lebensdauer des Kreuzfahrerstaates erlebt, kann man mit hoher Wahr­scheinlichkeit ausschließen. Mit dieser Prognose wird den Juden natürlich nicht das Existenzrecht in Palästina abgesprochen. Aber es wird dann eben kein Staat mehr sein, der von einem jüdischen Vorherrschaftsanspruch geprägt sein wird. Südafrika unter Nelson Mandela könnte als Modell die­nen: Der Staat blieb, aber die Apartheid wurde abgeschaft, das politische System hat sich verändert.

31. Eine der großen Gefährdungen für Israel liegt in der Macht der arabischen Straße. Als in den Jahren der Arabischen Aufstände ab 2011 jener in Ägypten zunächst siegreich war und zu einem Regimewechsel führte, war Israel stark verunsichert. Der Putsch der Militärs unter General Sissi hat die damaligen Ängste wieder beruhigt. Aber ein kühler Blick auf zahlreiche langwellige Ent­wicklungen der Geschichte[49] lehrt, dass die Gärung im arabischen Raum noch lange nicht abge­schlossen und ihr Ausgang ungewiß ist. Noch sichern die an der Politik der USA ausgerichteten korrupten arabischen Despotien Israels Sicherheit mit. Israel hat keinerlei Garantie, dass dieser Zustand von Dauer sein wird.

32. Für Israels Sicherheit und Existenz von fundamentaler Bedeutung ist die Unterstützung durch die Hegemonialmacht USA. Der treue „Vasallenstaat Israel“ (Noam Chomsky) ist natürlich ein wichtiger Baustein der imperialen interessen der USA im südwestasiatischen und nordafrikanischen Raum. Aber auch dieser ist langfristig nicht gesichert. Die liberalen Teile des US-Judentums setzen sich zunehmend von Israel ab[50]. Auch Imperien haben eine Ablaufdatum und ob das geopolitische Interesse der USA an seinem „teuren“[51] Gatekeeper im Orient auf Dauer ungefährdet gegeben sein wird, darf zumindest angezweifelt werden.

33. Die oben geforderte parteiische Haltung Europas zugunsten einer klaren Solidarität mit dem palästinensischen Volk liegt auch im Interesse des jüdischen Friedenslagers in der Diaspora und in Israel selbst. Friedens- und Menschenrechtsgruppen geraten in Israel selbst unter zunehmenden Druck eines rigiden gesellschaftlichen Klimas und einer wachsend faschistoiden Regierungspolitik. Maßgebliche Vertreterinnen der kritischen Zivilgesellschaft mit jüdischem Hintergrund[52] - wie Uri Avnery (gest. 2018), Avraham Burg, Noam Chomsky, Akiva Eldar, Amira Hass, Baruch Kimmerling, Yitzhak Laor, Gideon Levy, Reuven Moskowitz (gest. 2017), Ilan Pappè, European Jews for a just Peace (EJJP), Michael Warschawski, Moshe Zimmermann, uva. - machten und machen immer wieder deutlich, dass ein Friede in Nahost bisher vor allem an der Haltung Israels scheitert. Auch wenn nicht alle diese Stimmen hinter der BDS-Kampagne stehen, so eint sie jedenfalls ihr Ruf an die europäische Öffentlichkeit, den für einen Frieden notwendigen politischen Druck auf Israel zu entwickeln.[53]

34. Der internationalen BDS-Kampagne könnte im Ringen um die Zukunft Palästinas eine Schlüsselrolle zukommen. Wer sich hierzulande daran beteiligt, sie als antisemitisch zu diffamieren und so dem palästinensischen Volk dieses gewaltfreie Instrument aus der Hand zu schlagen, unterstützt realpolitisch gesehen die Aufrechterhaltung des harten Besatzungsregimes Israels, die völkerrechtswidrige Belagerung des Gaza, seinen Siedlerkolonialismus, die rassistisch-apartheidsförmigen Züge seiner Politik. Und ebenso realpolitisch gedacht, wird er oder sie wird sich fragen lassen müssen, ob dahinter nicht die Absicht steht, das palästinensische Volk immer weiter in die verzweiflung zu treiben und immer wieder zum gewalttätigen Widerstand anzureizen, um diesen dann umso wirkungsvoller als „Terrorismus“ brandmarken zu können.

35. Die Hoffnung von Goethes Bürger beim Osterspaziergang, dass dies alles weit weg ist und uns nur als Plauderthema zu interessieren habe, erfüllt sich nicht. Gewiss, die Radikalisierung von Teilen der is­lamischen Welt und die in Berlin, Brüssel, Madrid, Paris und anderswo durchgeführten Terrorakte ha­ben mehrere tiefliegende und teilweise historisch länger zurückliegende Ursachen. Eine davon liegt aber auch in der seit Jahrzehnten andauernden Ungelöstheit des erbitterten Kampfes um Palästina. Sie ist ein schmerzhafter Stachel im Fleisch der arabischen und - darüber hinausgehend - der islamischen Welt, vor allem aber der zahlreichen antikolonialen Bewegungen weltweit. Die mehr (USA) oder weniger (EU) bedingungslose Unterstützung der von Siedlerkolonialismus und Apartheid geprägten brutalen Besatzungspolitik Israels durch den Westen, ist eine der Quellen des Hasses. Dem entsprechend findet sich dieser Konflikt auch in manchen dschihadistischen Kampfschriften wieder. Hass und Terror aber sind keine naturgesetzlichen Phänomene, sondern Folgen einer langfristig unverantwortlichen Politik. Wir ernten, was wir gesät haben. Gestern, heute, morgen. Es wird Zeit, den oft beschworenen Humanismus, dessen Geist in der UN-Charta und den internationalen Abkommen wirken soll, für alle von diesem Konflikt betroffenen Menschen im Bezug auf die israelische Politik neu zu buchstabieren und überzeugend „verantwortlich“ zu handeln. Für die PalästinenserInnen, für die Jüdinnen Israels, für uns in Europa.

Stand: 10. 11. 2019

Franz Sölkner, geb. 1950, Studium der Geschichte und Theologie, Aktivist der parteipolitisch unabhängigen „Steirischen Friedensplattform“, der Initiative „Palästina Solidarität Österreich“ und von Pax Christi Österreich.

 

[1]Ausdrücklich nicht eingegangen wird im Folgenden auf irgendwelche religiös begründeten Ansprüche auf das „Heilige Land“. Der Begriff „Gott“ mag für manches stehen, ganz gewiß aber nicht für einen Immobilienhänd­ler.

[2]Wie sehr das palästinensische Volk im Zuge des Oslo-Prozesses dieses Zugeständnis seiner damaligen Füh­rung teilte und wie sehr es von der Hoffnung auf einen Verhandlungsfrieden erfüllt war, ist auch daraus ab­sehbar, dass es zwischen 1993 und 1996 von palästinensischer Seite so gut wie keine politische Gegengewalt gab.

[3]Frauen sind von offen rassistischen Vorgehensweisen nicht ausgenommen, ja bisweilen sogar besonders betroffen. Haltungen und Maßnahmen von israelischen PolitikerInnen (wie Ayelet Shaket), BeamtInnen, SoldatInnen und SiedlerInnen zielen auf die Beeinträchigung ihrer Gesundheit und Familienplanung ab.

[4]Die geplante Gesamtlänge beträgt 760 km. Überwiegend hat die Anlage den Charakter eines hohen, mit Sta­cheldraht bewehrten Zauns. In der Nähe von Bethlehem, Ostjerusalem und anderen Städten ist sie als mons­tröse 8 m hohe Mauer ausgeführt. Ein Spruch des Internationalen Gerichtshof hat das Bauwerk 2004 als völ­kerrechtswidrig verurteilt.

[5]Einen eigenständigen palästinensischen Staat zu verhindern, ist eine der langfristigen Konstanten der Politik Israels. Obwohl in der UN-Teilungsresolution vom 29. Nov. 1947 ausdrücklich verlangt, war es schon damals eines der vorrangigen Ziele des Staatsgründers David Ben Gurion dies zu verhindern. In vorausgehenden Geheimverhandlungen der Jewish Agency mit König Abdullah von Jordanien wurde vereinbart die nichtisrae­lischen Teile Palästinas an Jordanien anzugliedern. Dies schien ihm im Hinblick auf das langfristige Ziel der Zionisten, den jüdischen Nationalstaat später auf ganz Palästina auszuweiten, weniger hinderlich zu sein. Siehe dazu ausführlich Simcha Flapan, Die Geburt Israels, Mythos und Wirklichkeit, München 2005, bes. Seite 62ff.

[6]PA steht als Kürzel für „Palästinensische Autorität“, der aus den Oslo-Verhandlungen hervorgegangenen Palästi­nensischen Regierung. An ihrer Spitze steht seit Arafats Tod im November 2004 dessen Nachfolger Mahmoud Abbas (Abu Mazen). In zivilen Fragen hat sie ein im wesentlichen auf die großen Städte der Westjordanlandes eingeschränktes Administrationsrecht sowie die Polizeigewalt.

[7]Die Entwicklung der Hamas ist aber auch ein Lehrstück der „Teile-und-Herrsche-Politik“ Israels. Als Konkurrenz zur Schwächung der Fatah Arafats wurde sie in den 1980er-Jahren von den Israelis zunächst als religiöse und gesellschaftliche Kraft wohlwollend beobachtet, ja sogar aktiv gefördert und finanziert. Siehe etwa Helga Baum­garten, Hamas: Der politische Islam in Palästina, München 2006, Seite 42. Der israelisch-britische Historiker Avi Shlaim sprach in diesem Zusammenhang 2009 vom „play the old game of divide and rule between rival Palesti­nian factions“, .https://www.theguardian.com/world/2009/jan/07/gaza-israel-palestine  

[8]Die Hamas wollte an diesen palästinensischen Parlamentswahlen zunächst gar nicht teilnehmen, wurde aber in          der Erwartung eines Sieges der PLO mit Israels Einverständnis von den USA und der EU dazu ermutigt. Den Sieg der Hamas quittierten die USA und die EU auf Drängen Israels dann aber umgehend, indem sie die Hamas auf ihre Liste der Terrororganisationen setzten. Die oft gehörte Behauptung sie sei auf einer Terrorliste der UNO, ist übrigens unrichtig.

[9]Den Anteil Großbritanniens an der Misere in Palästina kann man gar nicht hoch genug ansetzen. In typisch europäisch-kolonialer Großmachtpolitik hat es ein Land, das es noch gar nicht in Besitz genommen hatte, ei­nem Volk weggenommen und einem anderen gegeben.

[10]Der Name leitet sich ab vom Ziel, zwei politische Zielsetzungen zu „revidieren“. Einmal jene von Teilen der Zio­nistischen Bewegung, die für ein Zusammenleben der beiden Völker in Palästina eintraten. Und jene des Man­datsvertrages aus dem Jahr 1922, der die östlich des Jordan gelegenen Teile der ehemaligen osmanischen Provinz Palästina von den cisjordanischen abgetrennte. Ostpalästina wurde zum eigenständigen Staat Jorda­nien, Das Gebiet westlich des Jordan wurde 1922 vom Völkerbund an Großbritannien zur Verwaltung übertra­gen. Die Revisionisten sahen darin ihren Anspruch, den angepeilten jüdischen Staat auch auf das Ostjordanland auszudehnen, gefährdet.

[11]Jenes Territorium in dem nach den Schriften des Alten Testaments jüdische Geschichte  nachweisbar  beachten ist. Zu beachten ist dabei aber, dass die Fahne Israels ursprünglich nicht zwingend einen geographischen Herrschaftsanspruch der Zionistischehn Bewegung zum Ausdruck bringen sollte. Ihr Schöpfer, David Wolffsohn, sah in den blauen Streifen die Farbstreifen des jüdischen Gebetsschals „Tallit“ umgesetzt. Die Fahne war das zentrale Dekor im Saal des 1. Zionistischen Weltkongresses in Basel und wurde aus diesem Anlass entworfen. Herzl, der selbst mit der Religion wenig am Hut hatte, schien diese stark -gläubig-religiöse Symbolik nicht gern gesehen zu haben und machte daher später Vorschläge für andere Entwürfe. Allerdings setzte sich Wolffsohns Entwurf durch und die beiden blauen Streifen wurden in der Folge auch realpolitisch mit Gewässern identifiziert. In rechtszionistischen Kreisen werden bis heute und seit einigen Jahren wieder verstärkt – u.a. in den religiösen Teilen der Siedlerbewegung – auch Landkarten, T-Shirts usw. verbreitet, die die Euphrat-Nil-Symbolik der Fahne bildhaft umsetzen. Interessant ist, dass man im Internet, etwa in Wikipedia, heute aber nur mehr Wolffsohns Interpretation nachlesen kann und nicht mehr jene, die dann tatsächlich die politische Debatte beherrschte.

[12]Die von den Zionisten verbreitete Version, dernach die Ablehnung des UN-Planes ebenso wie die Kriegsbe­reitschaft auf palästinensischer Seite geschlossen gewesen sei, findet sich bei Simcha Flapan, Die Geburt Is­raels. Mythos und Wirklichkeit, München 2005 Seite 81 ff. detailreich als propagandistischer Mythos widerlegt. Es war auch keineswegs – wie von der israelischen Propaganda bis heute behauptet - ein David (= die Juden) gegen Goliath (= die Araber) Szenario. Die zionistische Führung war sich ihrer militärischen Überlegenheit be­wußt und hatte nie einen Zweifel an ihrem Sieg, siehe dazu die Belege bei Flapan, Die Geburt Israels, 283ff.

[13]Diese weitere Eroberung von ca. der Hälfte der den arabischen PalästinenserInnen laut UN-Teilungsbe – schluss verbliebenen 44 Prozent entsprach auch einem Geheimabkommen, dass die zionistische Führung des Jischuw schon ab Ende 1946 mit König Abdullah I. von Jordanien ausgehandelt und bald nach dem UN-Teilungsbeschluss abgeschlossen hatte. Sowohl die zionistische Führung als auch Abdullah spielten gegen­über der UN und der internationalen Öffentlichkeit ein doppeltes Spiel. Während der UN-Plan neben der Errichtung eines jüdischen Staates auch einen selbständigen palästinensischen Staat westlich des Jordan vorsah, verständigten sich beide Seiten darauf, einen solchen Staat zu verhindern und das für diesen Staat vorgesehene Terrain unter sich aufzuteilen. Im Krieg von 1948/49 für die arabische Seite fatal, war dann auch der Umstand, dass sich Abdullah I. trotz dieser geheimen Vereinbarung zum Oberbefehlshaber der gesamtarabischen Streitkräfte ernennen ließ. Dies auch deshalb, weil die von den Briten ausgebildete jordanische Armee („Arabische Legion“) der mit Abstand kampfstärkste arabische Truppenverband war, der aber an den mit der Führung des Jischuw vereinbarten Grenzen der Gebietsaufteilung halt machte.

[14]Das blutigste davon war jenes von Deir Yassin am 9. April 1948, gut 5 Wochen vor der Ausrufung des Staates. Diese Massaker wurden von paramilitärischen Gruppen der „Revisionisten“ (Irgun, LEHI) durchgeführt. Die of­fizielle Streitmacht des Jischuw, die Hagana, aus der dann später die Israelische Armee hervorgehen sollte, hatte mit dem Dorf einen Nichtangriffspakt abgeschlossen und schaute daher weg. Die genaue Opferzahl ist bis heute ungeklärt, mind. 93 – darunter 30 Babys - dürften jedenfalls als reine Morde zu werten sein. Verge­waltigungen und Leichenschändungen waren Bestandteile dieses Übergriffes. Diese Massaker hatten meist einen propagandistischen Hintergrund: In den umliegenden arabischen Dörfern sollte Panik ausgelöst wer­den, um die Umgebung durch „freiwillige“ Flucht „araberfrei“ zu bekommen. Deshalb wurden die Opferzahlen von der jüdischen Führung selbst teilweise sehr stark übertrieben. Zu den Massakern im Detail siehe Ilan Pappé, Die ethnische Säuberung Palästinas, Frankfurt 2007, Seite 125ff.

[15]Der auf Basis historischer Quellen penibel geführte Nachweis, dass die gewaltsame Vertretung der palästinensischen Araber von einer geheimen Planungsgruppe um Ben Gurion schon zwei Monate vor der Staatsgründung vorbereitet, beschlossen und teilweise umgesetzt wurde, ist das wesentlich Neue der in Fußnote 13 genannten Arbeit von Ilan Pappe.

[16]Siehe etwa das 2. Kapitel („Die Verhandlungen von Camp David: Mythen und Fakten“) im Buch  Operation Dornenfeld – Gerechter Friede oder endloser Krieg (2002) der israelischen Linguistin Tanya Reinhart. In die­ses Kapitel floß auch jene gegenüber Barak kritische Analyse ein, die Robert Malley, Clintons Sonderbeauf­tragter für arabisch-israelische Angelegenheiten und Teilnehmer an den Verhandlungen, ein Jahr nach Camp David II in einer Artikelserie in der New York Times darlegte.

[17]So der enge Sharon-Berater Dov Weissglas in https://www.haaretz.com/1.4710372 : "The significance of the disengagement plan is the freezing of the peace process," Prime Minister Ariel Sharon's senior adviser Dov Weisglass has told Haaretz. Und ebenda: "The disengagement is actually formaldehyde," he said. "It supplies the amount of formaldehyde that is necessary so there will not be a political process with the Palestinians."

[18]Wobei sich dieses Argument gewandelt hat. Bezeichnete Israel vor Oslo Arafat und seine PLO als Terroristen, so

     ist behauptet man seit der 2. Intifada bzw. der Trennung von Westbank und Gaza zusätzlich, dass man ja gar nicht verhandeln könne, weil es auf der Gegenseite keine einheitliche politische Führung gibt.

[19]Von zionistischer Seite wird dieser Vorwurf häufig gegen die palästinensische Seite erhoben, z.B. im bekan-ntn Diktum von Abba Ebban (Außenminister Israel 1966 – 1972) „Die Palästinenser versäumen keine Gelegenheit, um eine Gelegenheit zu versäumen“. Dabei wird aber verkannt, dass Israel – soweit es überhaupt gesprächsbereit war - immer aus einer Position der starken Überlegenheit gehandelt hat, und den PalästinenserInnen immer zugemutet worden wäre, sich mit Brosamen abzufinden.

[20]So war es wohl auch kein Zufall, dass Bundeskanzler Sebastian Kurz der Erste war, der Netanyahu zu seinem Wahlsieg vom März 2019 gratulierte, siehe https://www.israelnetz.com/politik-wirtschaft/politik/2019/04/11/sebasti... .

[21]Die Partei ist nationalistisch-säkular ausgerichtet. Ihr Parteichef Avigdor Lieberman war bis November 2018 „Verteidigungsminister“. Schon mehrmals vertrat er die Idee, durch die Vertreibung der verbliebenen Palästi­nenserInnen über den Jordan, einen „einseitigen Frieden“ zu erzwingen.

[22]Parteichef Naftali Bennett forderte wiederholt die Annexion von 2/3tel (Zone C) der Westbank. Nach einer Spaltung ist die Partei nach den Wahlen vom März 2019 im neuen Parlament nicht mehr vertreten, auch nicht ihre Abspaltung. Die Stimmen wanderten zu Netanyahus Likud.

[23]Siehe https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/israel-und-palaestina-was-koennte-die-loesung-des-konflikts-sein-15342741.html

[24]Der Begriff des Mashrek bezeichnet jenes Gebiet, das wir von Europa aus in eurozentrischer Weise als Na­hen Osten bezeichnen. Es ist der arabische Raum östlich von Libyen und schließt sich an den westlich gele­genen Maghreb an.

[25]Siehe https://www.inamo.de/israel-auswanderung-groesser-als-einwanderung/

[26]Grigat ist Politikwissenschafter und ein Vertreter der sogenannten „Antideutschen“, einer sich selbst als „links“ bezeichnenden proisaelischen und USA-freundlichen Lobbygruppe. Er lehrt an den Universitäten in Wien, Graz und Jerusalem. In Österreich betätigte er sich als Speerspitze der internationalen „Stop the Bomb“-Initiative, die bemüht war, in Europa und den USA Netanyahus Kriegspolitik für einen militärischen Angriff auf den Iran in die Hände zu arbeiten.

[27]Wie brutal die Israelische Armee jeden ernsthaften palästinensischen Widerstand unterdrückt, zeigt sich deutlich an der Relation der Opferzahlen. Sie liegen bei den Todesopfern im langjährigen Schnitt bei ca. 1:10 und steigeren sich in Extremfällen, wie etwa im Gaza-Krieg 2008/2009 (Operation „Gegossenes Blei“) bis zu 1:100, wobei die israelischen Opfer meist Soldaten, die palästinensischen Toten aber überwiegend ZivilistInnen, darunter viele Kinder, sind.

[28]Geradezu erbärmlich wirkt das Stillschweigen Europas hinsichtlich der häufigen Zerstörungen von Objekten, die mit EU-Geldern finanziert wurden. So etwa wurde geschätzt, dass allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2016 durch die Israelische Armee in den besetzten Gebieten EU-finanzierte Objekte im Wert von 74 Mio. Dollar zerstört wurden, siehe  https://electronicintifada.net/blogs/charlotte-silver/israel-has-destroyed- .

[29]Unser Nicht-hinschauen-Wollen auf die Apartheidsstrukturen der Politik Israels wird besonders deutlich bei einem Vergleich mit Südafrika. Harte Militärschläge und brutale Menschenrechtsverletzungen im Gaza oder in den besetzten Gebieten finden in Europa zwar kritischen Widerhall, nicht aber deren systematisch-ideologische Hintergründe. Der israelische Historiker Ilan Pappé hat darauf hingewiesen, die sei so, als hätten wir 1976 zwar gegen die Massaker der südafrikanischen Polizei in Soweto (451 Tote durch Polizeigewalt, 3.907 Verletzte) demonstriert, nicht aber gegen den dahinter stehenden ethnischen Rassismus, siehe Noam Chomsky, Ilan Pappé, Frank Borat, Brennpunkt Palästina. Gespräche über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines besetzten Landes, Münster 2015, Seite 16.

[30]Klar dargelegt wird diese Doppelbödigkeit der EU in der Analyse der ehemaligen belgischen EU-Abgeordneten Veronique de Kayser in Stephane Hessel, Veronique de Kayser, Palästina: Das Versagen Europas, Zürich 2012.  Die Autorin, so wie Hessel jüdischer Herkunft, war in EU-Parlament in einschlägigen Ausschüssen tätig.

[31]Obwohl auch hier das vorherrschende Nachkriegsnarrativ die Selektivität unserer Verantwortungswahrneh­mung bestimmt. Insgesamt fielen in Europa ca. 11 Mio. Zivilistinnen der industriellen Menschenvernichtung in den Nazi-KZs und den Massenliquidationen von SS und Wehrmacht im Osten Europas zum Opfer. Etwa die Hälfte davon Juden. Das Verbrechen an anderen Opfergruppen - Behinderte, Deserteure, KommunistInnen, Homosexuelle, ZeugInnen Jehovas etc. - blieben und bleiben mangels einer starken zivilgesellschaftlichen Repräsentanz und Lobby oft unterbelichtet. Das gilt vor allem für die Roma und Sinti und den von ihnen  er­pressten Blutzoll. Angesichts der fortdauernden starken Diskriminierung in verschiedenen Staaten der EU be­dürfen sie unserer Verantwortung heute besonders. Diese selektive Wahrnehmung spielt bis hinein in die Popmusik eine Rolle, etwa wenn es bei Bob Dylan in seinem Song „With God On Our Side” heißt: “ When the Second World War came to an end / We forgave the Germans and then we were friends / Though they murdered six million, in the ovens they fried / The Germans now too have God on their side”. Teilweise steckt dahinter auch der Versuch jüdischer Verbände, den Opferstatus von Juden im Sinne ihrer Interessen zu monopolisieren. So berichtet etwa der israelische Historiker Shlomo Sand, Warum ich aufhöre Jude zu sein. Ein israelischer Standpunkt, Berlin 2013, Seite 91, von massiven Protesten aus den Reihen der jüdischen Gemeinden Frankreichs gegen die Einladung einer Vertreterin der Roma und Sinti, bei einer Konferenz über die Massenvernichtungen durch die Nazionalsozialisten in Paris einen Vortrag zu halten.

[32]Namentlich war es der damalige linkszionistische israelische Verteidigungsminister Shimon Perez, dr  dem süd-afrikanischen Rassistenregime 1975 in einem Brief diese Technologie zusicherte, siehe https://www.spiegel.de/politik/ausland/nukleardeal-mit-suedafrika-israel-soll-apartheid-regime-atombomben-angeboten-haben-a-696467.html  .

[33]Diese Schwäche gilt freilich bis dato nicht für die beeindruckende „seelische“ Widerstandskraft des palästinensischen Volkes. Sie findet Ihren Ausdruck im Begriff der „Sumud“, des „beharrlichen Standhaltens“.

[34]BDS steht für die Aufforderung zu   Boycott, Desinvestment und Sanktionen und versteht sich als gewaltfreie politische Bewegung mit drei zentralen, auf dem internationalen Recht basierenden Forderungen: Aufhebung der Besatzung, vollkommene rechtliche Gleichstellung der arabisch-palästinensischen BürgerInnen Israels und Anerkennung der Rechte der palästinensischen Flüchtlinge, in ihre Heimat und zu ihrem Eigentum zu­rückzukehren (UN-Resolution 194) oder entschädigt zu werden. Lange hat die Israelische Politik geglaubt, BDS als politisch irrelevant ignorieren zu können. Die Kampagne nahm aber international zunehmend Fahrt auf und seit einigen Jahren wird sie von Israel mit einer finanziell gut ausgestatteten internationalen Gegen­kampagne als „antisemitisch“ bekämpft. Diese Verleumdungsstrategie hat inzwischen in vielen Staaten des Westens Fuß gefasst. Unter dem Druck proisraelischer Lobbys wird BDS in vielen Städten die Abhaltung von öffentlichen Veranstaltungen verwehrt. Siehe die ca. hundert Einträge der „Übersicht be- oder verhinderter, menschenrechtsorientierter Veranstaltungen“ allein in Deutschland unter www.palaestina-portal.eu/Anlagen/AT.pdf .

[35]Der demokratische Mechanismus der Wahlen legitimiert die entsprechende, von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu geführte Regierungspolitik. Diese Politik steht in der ungebrochenen Tradition der chauvinistisch-faschistoid unterströmten Rechtszionisten, deren territoriale Großisrael-Ansprüche weit über den Jordan nach Osten gerichtet waren. („Revisionisten“: Der Mandatsvertrag des Völkerbundes mit den Briten sah die Tren­nung West-Palästinas von Ost-Palästina (= Jordanien) entlang des Jordan vor. Dies sollte widerrufen bzw. „revidiert“ werden). Die von militärischer Gewalt und Psychoterror begleitete Vertreibung der arabischen Bevölkerung war ein selbstverständlicher Teil ihrer Programmatik. In der Durchsetzung ihrer Ziele schreckten sie auch vor massivem Terror nicht zurück. Als Beispiele zu nennen sind u.a. die Ermordung des britischen Kolonialministers Lord Walter Moyne im Nov. 1944, die Sprengung des King David Hotels in Jerusalem im Juli 1946 (mind. 96 Tote), die Ermordung des UN-Friedensvermittlers Folke Bernadotte im Sept. 1948, die mehr als 30 Massaker in arabischen Dörfern während der Jahre 1948/49. Zwei der führenden Terroristen wurden später Ministerpräsidenten Israels: Menachem Begin (1977–83) und Jitzchak Schamir (1986–92). Ob man Ariel Sharon ebenfalls in diese Kategorie einstufen soll, ist zumindest eine berechtigte Frage. Denkt man etwa an die zahlreichen außergerichtlichen Tötungen, so ist Israels Politik insgesamt keineswegs frei von staatsterroristischen Zügen.

[36]Der bekannte israelische Schriftsteller David Großmann attestiert ihm eine „extreme, rigide und kompro-misslose Weltsicht“, siehe Großmann, Steht endlich auf und sprecht es offen aus, in: Frankfurter Allgemeine vom 04. 08. 2012.

[37]Diese Narrativ ist durchsetzt mit mehreren zentralen Geschichtsklitterungen. Zu den wichtigsten dieser Ge­schichtsmythen siehe Ilan Pappe, Was ist los mit Israel? Die zehn Hauptmythen des Zionismus, Neu-Isenburg 2016.

[38]Allein für 1918 wurden im Staatsbudget 117 Mio. US-$ bereitsestellt, siehe https://www.middleeasteye.net/opinion/israels-hidden-propaganda-war und https://www.middleeasteye.net/columns/israel-bds-activist-ban-1741338842 .

[39]Diese „zionistischen“ Lobbys sind keineswegs nur solche mit einem jüdischen Hintergrund. Besonders bei den US-Republikanern einflußreich sind Gruppen von „evangelikal-christlichen Zionisten“. Deren Motiv ist aller­dings oft höchst dubios. Unter Berufung auf einige Stellen im Alten Testament und die Apokalypse des Johan­nes sehen sie in der jüdischen Wiederbesiedelung und Wiedereroberung von ganz Palästina und der Neuer­richtung des (dritten) Tempels in Jerusalem die notwendige Vorraussetzung der Wiederkunft Christi. Dabei werden die Juden aber vor der Wahl stehen, entweder sich zum Christentum zu bekehren oder aber in einer endzeitlichen Entscheidungsschlacht („Armageddon“) vernichtet zu werden.

[40]Die Veranstalter waren BDS Austria und Frauen in Schwarz, eine Friedensorganisation  jüdischer Frauen. Im Rahmen dieser Veranstaltung hätte auch der Israeli Ofer Neiman (Boycott from Within) zu Wort kommen und der Film eines israelischen Regisseurs ("The Law in These Parts") gezeigt werden sollen.

[41]Frau Epstein war der Vernichtung durch die Nazi-Mordmaschinerie 1939 mit einem Kindertransport nach England entkommen. Die Speerspitze des Angriffs bildete diesmal Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Zentrum: Epstein sei "keine Überlebende im klassischen Sinn", sondern "eine notorische Antizionistin, die keine Gelegenheit auslässt, ihre Biografie auszunutzen, um Israel anzugreifen" sagte Zuroff der Jerusalem Post. Und laut derstandard.at/2000031524782/Veranstaltung-im-Parlament-nach-Kritik-aus-Wiesenthal-Center-abgesagt , ergänzte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch, nach der Ausladung durch Bures zufrieden, damit sei „die Sache aus der Welt geschafft“. Endgültig muss man inzwischen hinzufügen, Hedy Epstein ist nämlich bald darauf, am 16. April 2016, verstorben.

[42]Die EU-Richtlinie ist weitgehend zahnlos, weil sie die Pflicht zur Deklaration von Waren aus den völker-rechtlich illegalen israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten den Importeuren anheimstellt, nicht systematisch kontrolliert wird und die in Österreich damit verbundenen Sanktionen harmlos sind. Die hysterische Reaktion Israels –  Avigdor Lieberman, bis vor kurzem Verteidigungsminister Israels, hat sie gar mit der Pflicht zum Tragen des „Gelben Sterns“ verglichen – ist eine „Antisemitismus-Propaganda-Keule“. Von den drei Begriffen Boykott, Desinvestment und Sanktionen heftet sich die zionistische Kritik vor allem an das Wort Boykott. Warenboykotte zur Durchsetzung politischer Ziele in Befreiungskämpfen haben eine lange Tradition. Schon Jesus hatte sich offensichtlich der jüdischen Nationalbewegung seiner Zeit angeschlossen, die mit dem Rückgriff auf die Tauschwirtschaft das römische Geld- und Ausbeutungssystem zu unterlaufen trachtete (s. Mt 22,15ff). 1848 wehrte sich die Bevölkerung Mailands mit einem Raucherstreik gegen das österreichische Tabakmonopol, das als Symbol der habsburgischen Unterdrückung angesehen wurde. Mahatma Ghandi brachte das Instrument im Kampf um die Unabhängigkeit Indiens vom Britischen Empire wiederholt zur Anwendung, etwa bei Salz und Textilien. Die internationale Bewegung zum Boykott  Südafrikas war ein wichtiger Hebel zum Sturz des Apartheidsregimes im Jahr 1994. Die Kritik Israels an der EU-Richtlinie hat zudem einen Zug der historischen Ignoranz: Um die arabische Wirtschaft zu schwächen und die eigene zu stärken hat die zionistische Bewegung in Palästina schon vor dem 1. Weltkrieg unter den Parolen „Jüdische Wirtschaft“, „Jüdische Arbeit“, „Jüdischer Konsum“ usw. dazu aufgerufen keine arabische Waren zu kaufen, den arabischen Zwischenhandel auszuschalten und nach Möglichkeit keine arabischen Arbeiter zu beschäftigen. Parolen, die bald auch von der erwachenden Palästinensischen Nationalbewegung übernommen und in den 1920er-Jahren auf beiden Seiten real wirkmächtig wurden - siehe dazu etwa Walter Hollstein, Kein Friede um Israel. Zur Sozialgeschichte des Palästina-Konflikts, Berlin 1984, Seite 54ff. Freilich gilt es bei Boykott- und Sanktionsmaßnahmen jeweils genau die dahinter stehende ideologische Motivation und das jeweils aktuell bestehende Machtungleichgewicht zu beachten. Tut man das, so sollte es nicht schwer sein, den ethisch haushohen Unterschied zwischen den vom NS-Machtstaat ausgehenden antisemitischen Boykott-Parolen und der von der palästinensischen Zivilgesellschaft ausgehenden BDS-Bewegung zu erkennen.

[43]Der Vorwand dafür bestand wieder im Auftreten von BDS Austria als Veranstalter. Als Argumentenlieferant „bewährt“ sich jeweils das in der Aufarbeit des Faschismus verdienstvolle Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes / DÖW, vor allem in der Person seines stark prozionistisch gesinnten Mitarbeiters Andreas Pecham.

[44]Als ein Teil dieser Lobby fungieren  leider auch zuverlässig die Israelitischen Kultusgemeinden.

[45]Zitiert nach Flapan, Die Geburt Israels, Seite 23. .

[46]Siehe dazu Ben Gurions Zitat bei Avi Shlaim, The Iron Wall, London, 2000, S. 21: „Ich bin mir sicher wir werden auch in allen anderen Teilen des Landes siedeln, sei es durch ein Abkommen und einem beidseitigen Verständnis mit unseren arabischen Nachbarn oder auf andere Weise. Wir errichten jetzt erst einmal einen jüdischen Staat, auch wenn er sich nicht über das ganze Land erstreckt. Der Rest wird mit dem Lauf der Zeit kommen. Es muss kommen.“

[47]Historische Vergleiche sind natürlich nicht unproblematisch, vor allem wenn sie große zeitliche Abstände und sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen überbrücken. In diesem Fall der nicht erfolgten Befriedung von kulturellen und politischen Gegensätzen ist der Vergleich aber nicht unangebracht.

[48]Das bekannte Zitat von henry Kissinger aus dem Jahr 2012, „in 10 Jahren werde es keine Staat srael mehr geben“, darf man daher natürlich in das Reich der Fabeln verweisen.

[49]So herrscht etwa unter HistorikerInnen heute weitgehende Einigung, dass man die Nachwirkungen der Französischen Revolution (1789 – 1792) bis weit in das 20 Jhdt. herein zu bilanzieren hat.

[50]Siehe Peter Beinert, Die amerikanischen Juden und Israel. Was falsch läuft, München 2013: Der US-Politiloge sieht eine wachsende Distanz liberaler US-Juden zu Israel. Die völlig unkritische Israel-Unterstützung durch die zionistischen US-Lobbys gefährde langfristig die Interessen des amerikanischen Judentums selbst. Als einzige Chance, den liberalen Zionismus und Israel als jüdischen Staat zu retten, sieht er in einer Beendigung der Besatzung und der Bildung eines Staates Palästina.

[51]Die aus den USA kommende jährliche Unterstützung für Israel beläuft sich auf ca. 50% der gesamten US-Auslandshilfe. Laut Präsident Trump bekommt Israel allein an Militärhilfe jährlich 4 – 5 Mrd. US-Dollar, siehe https://www.haaretz.com/us-news/.premium-trump-on-syria-withdrawal-we-give-israel-billions-of-dollars-they-ll-be-ok-1.6785878 .

[52]Die Zahl namhafter jüdischer KritikerInnen der israelischenn   Besatzung Palästinas geht in die Tausende. Es gibt mehrere Anthologien mit Texten jüdisch-israelischer DissidentInnen, siehe etwa: Sophia Deeg, Michéle Sibony, Michael Warschawski (Hrsg), Stimmen Israelischer Dissidenten, Köln 2004 (dt. Erstausgabe).

[53]Im Interesse, diesen notwendigen Druck von Europa aus weiter entwickeln zu können, haben 34 namhafte israelische Wissenschafter im November 2018 in einem offenen Brief an die Europäer appelliert, der propagandistischen Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus zu widerstehen. Siehe https://diepresse.com/home/ausland/aussenpolitik/5532530/Vermischt-Kritik-am-Staat-Israel-nicht-mit-Antisemitismus