„Antizionistisch“ und „evangelikal“ – gegensätzlich oder zusammengehörig?

F. Weber

Sehr geehrtes versammeltes Publikum!

Zunächst danke ich den Veranstaltern für die Einladung, bei dieser Kundgebung zu sprechen, wodurch ich Gelegenheit habe, meine Sicht als freikirchlicher Christ zu dem derzeit im Parlament eingebrachten „Entschließungsantrag“ einiger Nationalrats­abgeordneten darzulegen. Darin werden legitime Boykottmaßnahmen gegen die Unterdrückungspolitik der israelischen Regierungen gegen das palästinensische Volk zu Unrecht kompromittiert und mit „Antisemitismus“ gleichgesetzt.

Da ich als „evangelikaler Antizionist“ angekündigt worden bin, möchte ich meine Ausführungen folgendermaßen betiteln und dies zur Diskussion stellen:

„Antizionistisch“ und „evangelikal“ – gegensätzlich oder zusammengehörig?

Um Missverständnissen vorzubeugen, werde ich zunächst auf diese beiden Begriffe genauer eingehen und zugleich zum näheren Verständnis der Entwicklung des Nahost-Konflikts beitragen. Grundsätzlich ist zwischen politischem und religiösem Zionismus zu unterscheiden.

1. Zionismus und Antizionismus

a) Politischer Zionismus

Ich würde mich nicht mit „dem Antizionismus“ identifizieren, solange nicht geklärt ist, was überhaupt unter „dem Zionismus“ verstanden wird, weil sich dessen Bedeutungsinhalt im Laufe des 20. Jahrhunderts grundlegend gewandelt hat. Der Begriff wurde 1890 durch den in Wien geborenen jüdischen Schriftsteller Nathan Birnbaum geprägt, dem ersten Generalsekretär der Zionistischen Organisation. Dieser war ein Vertreter der kulturellen Variante des Zionismus, die eine Besiedlung Palästinas auch ohne eigenen Staat propagierte. Später wandte er sich aber vom Zionismus überhaupt ab.

Sechs Jahre, nachdem der „Zionismus“-Begriff aufgekommen war, schrieb der assimilierte jüdische Journalist österreichisch-ungarischer Herkunft, Theodor Herzl, sein berühmtes Buch: „Der Judenstaat“, in dem er seinen „Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ konzipierte. Damit gilt er als Begründer des politischen Zionismus.

Weitere sechs Jahre später präsentierte Herzl in dem Roman „Altneuland“ seine Utopie einer jüdischen Gesellschafts­ordnung in Palästina. Es war ihm darum gegangen, nach einer politischen und nationalen (nicht: „nationalistischen“!) Lösung zu suchen, wodurch jüdische Menschen ohne Diskriminierung in Ruhe und Frieden leben könnten. Seine Motive waren nicht religiöser, sondern politischer, säkularer und kultureller Natur. Aus der jüdischen Religion hat sich Theodor Herzl nichts gemacht (er hat nicht einmal seinen Sohn beschneiden lassen). Die „Neue Gesellschaft für die Kolonisierung von Palästina“, wie er sie in seiner Utopie propagierte, verstand sich als weltbürgerlich und schloss Nichtjuden nicht aus, sondern sollte allen offenstehen, ungeachtet ihrer Herkunft, Abstammung und Religion.

Wenn es also vorrangig darum gegangen ist, dass verfolgte jüdische Menschen in einer Zufluchts- und „Heimstätte“ gleichberechtigt und in friedlichem Einverständnis mit ihren Nachbarn leben, dann wäre ein solches Anliegen unterstützenswert, wie dies etwa der US-amerikanische Pionier der Sprachwissenschaft, Noam Chomsky, vertreten hat, der aus jüdischem Haus stammt. Vor einigen Jahren erwähnte er in einem Interview, in jungen Jahren als Aktivist im Nahen Osten gewesen zu sein. Zitat:

„Damals bezeichnete man uns als 'Zionisten'. Wir hatten die gleiche Haltung, die ich heute noch habe: Wir waren gegen den [exklusiv] jüdischen Staat und unterstützten eine Zwei-Staaten-Lösung, basierend auf arabisch-jüdischer Zusammenarbeit. Das wurde damals von der zionistischen Bewegung unterstützt.“

Und im Nachsatz sagte er: „Heute nennt man das 'Anti-Zionismus'“.

Wir fragen uns: Wie nennt man dann den heutigen Zionismus? Die Antwort lautet: „Neo-Zionismus“.
Aber was ist „Neo-Zionismus“?

Neo-Zionismus – laut Wikipedia-Definition – ist eine politisch rechts orientierte, nationalistische
und religiös orientierte Strömung in Israel.

b) Neo-Zionismus

Im Rückblick stellt sich also heraus, dass Herzls politischer Zionismus, seine Vision von einer egalitären, säkular-demokratischen und offenen Gesellschaft im real existierenden Zionismus ins Gegenteil verkehrt wurde, und zwar bereits lange vor der Staatsgründung Israels im Mai 1948. Zwar wird in der Unabhängigkeitserklärung noch die Vision Theodor Herzls dahingehend bemüht, dass der Staat Israel „auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten Israels gestützt sein“ und „all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen“ werde. Zudem war versprochen worden:

„Der Staat Israel wird bereit sein, mit den Organen und Vertretern der Vereinten Nationen bei der Durchführung des Beschlusses vom 29. November 1947 [Anm.: des von der UN-Generalversammlung als Resolution 181 (II) angenommenen UN-Teilungsplans für Palästina] zusammenzuwirken und sich um die Herstellung der gesamt­palästinensischen Wirtschafts­einheit bemühen. […] Wir reichen allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und zu guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem unabhängigen hebräischen Volk in seiner Heimat auf.“

Aber der Verdacht liegt nahe, dass diese Absichtserklärungen nicht mehr als ein diplomatisches Kalkül waren, um die Vereinten Nationen für eine Anerkennung zu gewinnen. Denn schon einen Tag nach dem Beschluss des UN-Tei­lungsplans, also noch innerhalb der britischen Mandatsregierung in Palästina bzw. fünfeinhalb Monate vor der Unab­hängigkeitserklärung, hatten die zionistischen Untergrundmilizen ohne Kriegserklärung begonnen, hunderte arabische Dörfer, auch in dem im UN-Teilungsplan den Palästinensern zugesprochenen Gebiet, dem Erdboden gleichzu­machen, ihre bodenständigen Einwohner zwecks ethnischer Säuberung zu vertreiben oder als Abschreckungsmaß­nahme zu massakrieren (Deir Jassin!). Um die Rückkehr von Flüchtlingen (sogenannter „Infiltranten“) an den Front­linien zu unterbinden, erließ die Politik Anweisungen zu ihrer sofortigen Erschießung sowie in der Folge entsprechen­de Rückkehr-Verhinderungsgesetze. Dies alles diente dazu, Fakten für ein „araberreines“ Territorium zu schaffen (Lit.: Ilan Pappe: „Aufstellung eines Masterplans“ und „Die Blaupause der ethnischen Säuberung: Plan Dalet“ in: „Die ethni­sche Säuberung Palästinas“. dt. Ausgabe 2019, S. 67–176). Das mit allen Mitteln und um jeden Preis angepeilte Kriegs­ziel der Zionisten, so ist David Ben-Gurions Kriegstagebuch zu entnehmen, nämlich die militärische Eroberung des gesamten Territoriums bis zum Jordan, scheiterte zwar zunächst wegen des arabischen Widerstands und des Drucks der Großmächte, einen Waffenstillstand zu schließen, was 1949 zur Waffenstillstandslinie, der „Grünen Linie“ zwi­schen Israel und dem Westjordanland, führte. Doch mittels eines offenbar lange vorbereiteten Präventivangriffs der israelischen Armee (IDF) am 5. Juni 1967 und des darauffolgenden („Sechstage“-) Kriegs holten die Zionisten ihr Kriegsziel einer alleinigen jüdischen Herrschaft über ganz Palästina zwischen Mittelmeer und Jordan schließlich nach.

Aber schon mit dem Abzug der Briten und der Ausrufung des Staates „Israel“ war das ursprüngliche Ziel einer „jüdischen Heimstätte in Palästina“ laut der sog. „Balfour-Erklärung“ von 1917 mehr als erreicht bzw. weit „übererfüllt“ gewesen. Doch statt nun ihre Gründungsversprechen gegenüber der UNO und der verbliebenen nichtjüdischen Bevöl­kerung zu erfüllen, betrieben die „Gründungsväter“ unbeirrbar eine entgegengerichtete Politik, sodass spätestens ab dem Zeitpunkt der Staatsgründung die zionistische Vision Herzls tot war. Die Okkupation des Westjordanlandes 1967 förderte die Entwicklung zu dem, was wir als „Neo-Zionismus“ bezeichnen. Als grundlegender Paradigmenwechsel erwies sich zehn Jahre später (1977) die politische Wende von der Dominanz des bisher weitgehend sozial ausgerichteten, säkularen linken Spektrums (der Arbeitspartei) zum wirtschafts­liberalen und nationalistisch-religiösen rechten Flügel, dem späteren Likud-Block des Jabotinsky-Schülers, Ex-Terror-Chefs und neuen Ministerpräsidenten Mena­chem Begin. Spätestens in der jüngsten Ära der Regierung Benjamin Netanjahus entwickelte sich das ehemals durch die sozialistische Kibbuz-Bewegung geprägte Land wirtschaftspolitisch zu einer neoliberal-marktrabiaten Industrie­gesellschaft, in der sich die Schere zwischen arm und reich dramatisch geöffnet hat und ein Großteil des Kapitals in Israel von nur wenigen superreichen Milliardärsfamilien und eingebürgerten jüdischen Oligarchen kontrolliert wird.

c) Religiöser Zionismus kabbalistischer Tradition: Osteuropäischer Chabat-Chassidismus schlägt orthodoxen Antizionismus der talmudischen Tradition („Drei Eide“).

Über einen Zeitraum von etwa eineinhalb Jahrtausenden hinweg galten die „Drei Eide“ („Drei Schwüre“) des talmudisch-orthodoxen Judentums als unantastbare göttliche Weisung. Es handelte sich um die rabbinische Auslegung der dreimaligen „Beschwörung“ an die „Töchter Jerusalems“ in Salomos „Lied der Lieder“ (2,7; 3,5; 5,8): Die Juden im Exil sollten, so die erste Beschwörung, die Liebe zu ihrem Stammland „nicht zu früh wecken“. Gemäß Rabbi Ze'era (um 300 n. Chr.) bedeutete dies, dass sie nicht „geschlossen“ (wörtlich: „wie eine Mauer“) „hinaufziehen“ durften, um als „ganzes Volk“ – mittels Masseneinwanderung nach Palästina und mit Waffengewalt – „das Ende“ (d. h. die Ankunft des Messias) zu „erzwingen“, denn nur der Messias selbst könnte sie aus der Zerstreuung (hebr. Galut) herausführen und wiederherstellen („erlösen“). Dieser berühmte talmudische Abschnitt im Traktat Kethuboth (bT 111a), der auch in anderen Teilen des Talmuds seinen Niederschlag findet, war von der überwiegenden Mehrzahl der Talmudgelehrten (insbesondere von Maimonides) stets einem göttlichen Gebot gleich geachtet worden. Es versteht sich, dass dieses Verbot den zionistischen Zielen diametral widersprach und sie daher vom traditionellen Judentum vehement abgelehnt wurden oder von einer ultraorthodox-antizionistischen Minderheit – bis heute – sogar bekämpft werden. Für sie war die Gründung des Staates Israel „eine echte Katastrophe, so wie es die Zerstörung des Tempels in Jerusalem war“ (Rabbi Josef Shmuel Rabinov, Oberrabiner von London, 1953), und in diesem „Staat der Hölle“ zu wohnen (Rabbi Asher-Zelig Margaliot), bedeutete nichts anderes als immer noch im Exil zu leben.

Ungeachtet des halachischen Masseneinwanderungsverbots trat im Ostjudentum des 18. Jahrhunderts eine diametral entgegen­gerichtete Strömung auf. Darin wurde die religiös motivierte Einwanderung nach Palästina geradezu als notwendige Voraus­setzung für das Kommen des Messias propagiert, somit noch vor dem Aufkommen der Haskala-Bewegung, der jüdischen Auf­klärung, und lange vor der Entstehung des exklusiven Nationalismus und seiner jüdischen Variante, des säkularen Zionismus. Wie war es zu diesem Paradigmenwechsel gekommen?
Hierzu folgender Exkurs:

Der Verlust des Herodianischen Tempels und damit des levitisch-hohepriesterlichen Versöhnungsdienstes hatte im rabbini­schen Judentum ab 70 n. Chr. eine unersetzliche Leere hinterlassen. Gleichsam als Surrogat entwickelten sich kabbalistische Strömungen aus vorrabbinischen Ansätzen zur Mystik wie die Merkaba-Literatur, um, wie man meinte, auf diesem Weg zur unmittelbaren Anschauung Gottes auf seinem Thron zu gelangen. Bald entstand in Palästina der Sefer ha-Razim (hebr. „Buch der Geheimnisse“), ein magisch-mystisches Zauberbuch. Zum bedeutendsten Schriftwerk der Kabbala wurde der Sohar, der zwar erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Spanien auftauchte, aber der Legende nach Schimon ben Jochai zugeschrieben wird, dem Schüler von Rabbi Akiba ben Joseph. Letzterer hatte zu den bedeutendsten Vätern des rabbini­schen Judentums gehört und wird zu den Zehn Märtyrern gezählt, ungeachtet dessen, dass er den Führer des neuerlichen, 135 n. Chr. verheerend gescheiterten Aufstands gegen die Römer, Simon bar Kochba, zum „Messias“ ausgerufen hatte.

Im 16. Jahrhundert begründete der revolutionäre Rabbi Isaak Luria (mit dem Akronym "ARI" als Ehrenname, hebr. "Der heilige Löwe“) in Safed in Galiläa nach intensivem Sohar-Studium die neuzeitliche Kabbala mit pantheistischem Ansatz. Von seinem bedeutendsten Schüler und Hauptinterpreten, Rabbi Chajim Vital, ist seine Lehre von der kosmischen Unter­schiedlichkeit der Seelentypen von Nichtjuden und Juden überliefert: Die nichtjüdische Seele stammt aus der satanischen Sphäre (aus deren weiblichem Teil) und ist ohne göttliches Wissen geschaffen, während die jüdische Seele von der „Heilig­keit“ (aus Gott) stammt. (Literaturnachweise angegeben in: „Jewish Fundamentalismus in Israel“, New Edition 2004, von Israel Shahak und Norton Mezvinsky). In dem komplizierten „Prozess der Wiederherstellung der in Unordnung geratenen Schöpfung“ gemäß der lurianischen Kabbalistik spielen unter anderem Seelenwanderung, Reinkarnation und die Schwänge­rung einer lebenden Seele durch eine andere Seele eine Rolle. Der Unterschied betreffend Nichtjuden und Juden zwischen Talmud und Kabbala wird deutlich an dem Verständnis der Konversion eines Nichtjuden zum Judentum: Während der Talmud bzw. die Halacha den Konvertiten als neuen Juden betrachtet, ist das nach der Kabbala unmöglich. Sie lehrt, dass Konvertiten zwar wirkliche jüdische Seelen sind, aber zur Strafe in einen nichtjüdischen Körper gesendet worden waren und später, durch die Konversion zum Judentum, erlöst worden sind, weil entweder ihre Strafe zu Ende war oder ein heiliger Mann vermittelt hat. Nach kabbalistischer Anschauung kann wegen des kosmischen Unterschieds zwischen Nichtjuden und Juden eine satanische Seele allein durch Überzeugung nicht in eine göttliche Seele transformiert werden. Diese Art des kabbalistischen Glaubens an Metempsychosis ist in der Halacha nicht zu finden.

Lehren wie diese sind in das osteuropäische Judentum des Chassidismus eingeflossen. Als dessen Gründer im 18. Jahrhun­dert gilt der Visionär Israel ben Elieser, genannt Baal Schem Tov („Meister des guten Namens“). Dieser trat bei seinen Gründungsreisen mit magischen Praktiken als Wunderheiler und Exorzist von Dämonen und bösen Geistern (shaydim) auf. Einer seiner wichtigsten Schüler, Rabbi Dow Bär („der große Maggid“), war der Lehrer von Schneor Salman von Ljadi (1745-1812), dem Ahnherrn der heute mächtigen und in Washington und Jerusalem höchst einflussreichen chassidischen Chabad-Lubawitsch-Bewegung. Sie ist mit ihren Institutionen und Emissären (Schluchim) in rund 70 Ländern vertreten.

Chassiden versuchen, in persönlichem und gemeinschaftlichem Gebet, in Meditation, Musik, Liedern und Tänzen bis zur religiösen Ekstase, bei messiasähnlicher Verehrung ihres chassidischen Rabbi (jiddisch: Rebbe), dem Zaddik („Gerechten“), ganzkörperlich in eine höhere Existenzebene und Gott näher zu kommen. Jedes Jahr verbringen Zehntausende (2015 30.000) das jüdische Neujahrsfest Rosch HaSchana im ukrainischen Uman, wo sich das Grab des Rabbi Nachman von Breslow befindet (dessen Wiederkehr sie erwarten), eines Urenkels von Baal Schem Tov, um ausgelassen zu feiern, zu tanzen und sein Grab zu küssen – das gilt als spirituell heilsam (https://www.youtube.com/watch?v=vOq_UPYI2MQ).

Die Chabad-Lubawitscher entwickelten einige vom Chassidismus des Baal Shem Tov abweichende, innovative Vorstellungen, die sich auch in ihren Liedern niederschlugen. 1772 begann Schneor Salman mit der Formulierung der Grundlehren der Chabad-Philosophie, 1797 veröffentlichte er sein religionsphilosophisches Hauptwerk, das Buch Tanja. 1803 veröffentlichte er einen Siddur (Gebetbuch), der dem Ritus von Isaak Luria folgt. Mit seiner Rezeption der lurianischen Kabbala hatte Schneor Salman einen radikalen Paradigmenwechsel im Verständnis der „Endzeit“ eingeleitet. Nach Isaak Luria müssten die Juden im Exil nicht geduldig auf den Messias warten; sie können seine Ankunft beschleunigen. Jeder einzelne jüdische Fromme („Chassid“) könne durch seine Handlungen und seine Gesetzestreue daran aktiven Anteil haben, die „Erlösung“ (tikun) der Welt zu bewerkstelligen.

Auf Basis dieser Lehre entwickelte der Rabbiner Zvi Hirsch Kalischer (1795-1874) seine Vorstellung von der „Rückkehr des jüdischen Volkes“ nach Palästina in Form einer Masseneinwanderung. Einen entsprechenden Aufruf veröffentlichte er in seiner 1863 erschienenen Schrift „Drischat Zion“ (Sehnsucht nach Zion) als Beitrag zur „Erlösung“ des jüdischen Volkes, womit er die biblisch-heilsgeschichtliche Erlösungslehre profanisierte.

Der siebte (und bisher letzte) Nachfahr der Chabad-Dynastie, Menachem Mendel Schneerson (gest. 1994), den ein Teil seiner Anhänger (die „Messianisten“) immer noch für den Messias selbst halten und zu ihm als Fürsprecher im Himmel beten, war berauscht von der Erwartung, dass der Messias bald erscheinen werde. Er lehrte, es sei Aufgabe seiner Generation, die Ankunft des Messias zu erwirken. Das Hauptziel des Chassidismus bestehe darin, „die jüdischen Massen aus dem Leben in der Diaspora heraus- und nach Zion heimzuführen“. Seit der Gründung des Staates Israel 1948 beteiligt sich daher die Chabad-Bewegung aktiv am Aufbau des Staates. Dabei lehnte Menachem Mendel Schneerson jeglichen territorialen Verzicht auf Teile des biblischen Landes Israel ab, das seiner Meinung nach dem jüdischen Volk zugesprochen sei, und bekämpfte des­halb den 1993 begonnenen Oslo-Friedensprozess „Land gegen Frieden“. Als weitere politisch einflussreiche Schlüssel­personen in der Fortentwicklung des exklusiv jüdischen Staates zum rabbinistisch-fundamentalistischen „Großisrael“ mit ziel­gerichtet-brachialer „Re-Judaisierung“ der okkupierten Westbank (anachronistisch in „Judäa und Samaria“ umbenannt) gelten die geistigen Väter der Siedlerbewegung Gusch Emunim („Block der Getreuen“): der orthodoxe Großrabbiner Abraham Isaak Kook (1865-1935) und sein Sohn Zwi Jehuda Kook (1891-1982), und weiters der langjährige sephardische Oberrabbiner Ovadja Josef (1920-2013). Von diesem sind zahllose „umstrittene“ Aussagen bekannt wie: Palästinenser seien „Übeltäter und Schlangen“ (2000), man dürfe keine Gnade ihnen gegenüber zeigen und müsse Raketen auf sie schießen und insbesondere alle Christen aus dem Staatsgebiet von Israel ausrotten (2001), das sei eine „religiöse Pflicht“. Zwi Jehuda Kook galt als extrem feindselig gegenüber allen Nichtjuden. Palästinenser waren laut ihm kein Volk, sie hatten somit keine Einheimischen­rechte (ähnlich wie die Kanaaniter) und somit nur die Wahl zwischen Unterwerfung und Vertreibung.

Aufgrund des Glaubens an ihre „Auserwähltheit“ behauptet Gusch Emunim, die politisch einflussreiche, messianistische Siedlerbewegung, über die Ansprüche aller anderen Völker hinweg einen ungeteilten und alleinigen Anspruch auf das gesamte israelitische Land der Frühgeschichte („vom Euphrat bis Ägypten“ bzw. „bis Jamit“) zu haben und der moralischen Gesetze „von Gott“ entbunden worden zu sein, denen die „normalen“ Nationen unterworfen sind. Nach Kooks Lehre muss das Heilige zu seiner Vollendung den Weg durch das Unheilige gehen. Der Krieg von 1967 sei eine „metaphysische Trans­formation“ gewesen, wodurch „das Land aus der Macht Satans in die göttliche Sphäre übergeführt“ worden sei. Dies sei der Beweis, dass die „messianische Ära“ und der „Prozess der Erlösung“ angebrochen ist („Wir sind bereits mitten im Thron­zimmer“). [Anm.: Ovadja Josef dagegen war der Ansicht, dass die „Zeit des Messias“ noch nicht gekommen ist und darum die Nichtjuden in „Judäa und Samaria“ noch nicht vertrieben werden können; dies, wie auch die Zerstörung aller götzendiene­rischen christlichen Kirchen, werde erst bei seinem Kommen als einem metahistorischen Ereignis zur „Erlösung“ geschehen.]

Während der israelischen Invasion im Libanon war das Militärrabbinat in Israel deutlich von den Ideen der beiden Kooks beeinflusst, als es alle Soldaten ermahnte, den Fußspuren Josuas zu folgen und die (vermeintlich) göttlich aufgetragene Eroberung Israels wiederherzustellen. Gusch Emunim hatte sogar verlangt, den Libanon zu annektieren und in die alten Stammesnamen Aser und Naphtali umzubenennen. Die Ermahnung zur Eroberung sollte auch die Ausrottung der nicht­jüdischen Bewohner inkludieren, denn der Extrem-Chauvinismus der Messianisten richtet sich gegen alle Nichtjuden. Die Ähnlichkeiten zwischen der jüdisch-politisch-messianistischen Bestrebung und dem deutschen Nazismus ist unübersehbar: Die Heiden sind für die Messianisten das, was die Juden für die Nazis waren. Die NS-Rassenlehre betreffend Juden und Nichtjuden erinnert frappant an jene der lurianischen Kabbala – mit umgekehrten Vorzeichen.

Die Ideologie der Kook-Rabbis ist sowohl eschatologisch („endzeitlich“) als auch messianisch ausgerichtet. Sie geht von einem bald bevorstehenden Kommen des Messias aus und behauptet, dass die Juden danach durch Gottes Hilfe über die Nichtjuden triumphieren und fortan über sie herrschen werden. Gusch Emunim argumentiert, dass das, was wie eine Beschlagnahmung von arabischem Land zwecks fortschreitender jüdischer Besiedlung erscheint, in Wirklichkeit kein Diebstahlsakt sei, sondern ein Heiligungsakt. Im Gegenteil betrachten die Gusch Emunim-Rabbis die in Israel lebenden Araber als Diebe, weil alles Land in Israel, basierend auf Verheißung, jüdisch war, ist und verbleibt und daher jegliches Eigentum darin den Juden gehört. [Ende Exkurs]

Aus all dem ist unzweifelhaft zu erkennen, dass der judaistische Halacha- und Kabbala-Fundamentalismus in diametralem Gegensatz zum aufgeklärten Demokratieverständnis und zur Menschenrechtskonvention steht und sich Israel infolgedessen unaufhaltsam zum intoleranten, faschistoid-neozionistischen und orthodox-rabbinischen „Ajatollah“-Staat entwickelt. Der religiöse Zionismus, der längst die Elite erfasst hat, kann mit Fug und Recht als „Blut- und Boden-Ideologie“ bezeichnet werden. „Er ist die neue Elite, und er ist nicht mehr an Kompromissen interessiert“, hatte der Vorsitzende des Instituts für Zionistische Strategien (IZS) 2015 kategorisch festgestellt. (Bericht in Jedi’ot Achronot, der zweitgrößten Tageszeitung Israels im Dez. 2015, zitiert in Ha’aretz vom 25. Dez. 2015 unter der Überschrift: „Religious Ultranationalist Zionists Have Taken Over Israel“).

Fazit: Weil der gegenständlich debattierte „Selbständige Entschließungsantrag“ unserer Nationalratsabgeordneten zu „Antisemitis­mus“ und „BDS“ genau dieser Ideologie des nationalistisch-religiösen Neo-Zionismus Vorschub leistet, bekenne auch ich mich entschieden als Gegner dieses Antrags und seiner Zielrichtung.

2. „Evangelikal“

a) Historisch-evangelikales Christentum

Damit kommen wir zum religiösen Zionismus evangelikaler Tradition. Aber zunächst: Was ist unter „evangelikal“ zu verstehen?

Diese Bezeichnung knüpft an den dritten (oder „linken“) – überwiegend gewaltfreien – Flügel der Reformation des Christentums im 16. Jahrhundert an, neben dem Augsburger und dem Helvetischen Bekenntnis und jenseits von Katholizismus und Protestan­tismus. Die Reformatoren und ihre Nachfolger waren nicht weit genug gegangen in der Wiederherstellung der ursprünglichen neutestamentlichen Glaubenslehre der Apostelzeit. Vor allem haben sie nicht mit der unseligen Machtverschränkung von Kirche und Staat gebrochen (die erst im 4. Jahrhundert entstanden war – nach der Konstantinischen Wende bzw. durch die Gründung der „Reichskirche“ unter Theodosius I.). Unter Zuhilfenahme weltlicher Obrigkeiten hatten die verschiedenen Lager samt der Gegenreformation einander bekämpft und sich um die Hegemonie im sogenannten „Heiligen Römischen Reich“ rivalisiert.

Die evangelikalen Bewegungen hingegen wie die Hutterer, Mennoniten, Baptisten, aber auch schon die vorreformatori­schen Waldenser praktizierten ein Verständnis von lose vernetzten, selbstorganisierten egalitären örtlichen Gemein­den gemäß der Lehre Jesu und der Apostel (vgl. MtEv 23,8-12). Zudem lehnten sie die sakramentalistische Taufpraxis von Säuglingen ab, sondern tauften nur auf das persönliche Glaubensbekenntnis, wodurch sie lange Zeit von den Großkirchen diskriminiert, diffa­miert, verfolgt, gefoltert und vertrieben wurden. Einer der Prominentesten: Balthasar Hubmaier („Die Wahrheit ist untödtlich.“). Als Glaubensgrundlage erkennen Evangelikale nur das Neue Testament an, das zugleich als die einzig autoritative Auslegung des Alten Testaments verstanden wird (Paradebeispiel: die „Bergpredigt“). Engagierte Evangelikale waren in England die Vor­kämpfer zur Abschaffung der Sklaverei (allen voran William Wilberforce) und zur Durchsetzung der Religionsfreiheit für alle.

b) Evangelikaler Zionismus und seine Abkehr vom reformatorischen Erbe

Vor knapp zwei Jahrhunderten geschah jedoch etwas, das die evangelikale Bewegung zunehmend und nachhaltig gespalten hat und in jüngerer Zeit in der Öffentlichkeit – am Auffälligsten durch lautstark politisierende evangelikale Zionisten in den USA – pauschal in Verruf zu bringen und ihre Glaubwürdigkeit zu unterminieren vermag. Im 19. Jahrhundert traten „Endzeit“-schwärme­rische Bibelausleger mit spätapokalyptischen Sonderlehren auf, die es niemals zuvor in der Theologiegeschichte gegeben hat. Diese lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:

Erstens wurden Juden plötzlich als „substanziell“ anders gegenüber Nichtjuden wahrgenommen, und zwar wesenhaft über die Religion hinaus, ohne freilich konkret erklären zu können, worin eigentlich der Unterschied bestehen soll. Offenbar wurde hier einfach dem talmudisch-kabbalistischen Selbstverständnis der orthodoxen Judenheit als die „Andersgearteten“ und über alle Heiden­völker erhobenen „Auserwählten“ Tribut gezollt. Tatsächlich bedeutete dies jedoch einen fatalen Rückfall gegenüber dem, was im Neuen Testament bereits klargestellt worden war, nämlich, dass es vor Gott eben „keinen Unterschied“ gibt – allein im Römerbrief wird dies sogar zweimal ausdrücklich betont. (Besonders ausgeprägt ist dieser „Andersartigkeits“-Dünkel bei soge­nannten „Messianischen Juden“, d.s. Juden, die Jesus als Messias angenommen haben, aber ihr "Judesein" weiterhin betonen.

Zweitens sollten alle Juden, so vertreten es diese neuen „evangelikalen Zionisten“, darin gefördert werden, ihre bisherigen Wohnsitze unter den Völkern zu verlassen und in das sogenannte „Heilige Land“ einzuwandern, damit – drittens – diese vermeintliche „Wiederherstellung Israels“ letztlich in ein sogenanntes „Tausendjähriges Friedensreich“ mit Juden als dessen „Herrschervolk“ münden könnte – ein jüdischer Chiliasmus.

Doch davor noch – und das ist das Beklemmende an dieser widerspruchsvollen Lehrverirrung – soll „bald“ das blutrünstigste Massaker aller Zeiten im Nahen Osten auf einem Schlachtfeld namens „Harmagedon“ stattfinden, ein eschatologischer Entschei­dungskampf, währenddessen „Christus wiederkommt“. Tatsächlich jedoch handelt es sich bei dieser obskuren Erwartung um einen antibiblischen Anachronismus, indem Weissagungen, die im 1. Jahrhundert längst nachweislich erfüllt wurden (in der Zeit bis 70 n. Chr.), in unsere Zukunft vorausprojiziert werden. Immerhin können so mit dieser „Endzeit“-Masche noch unbegrenzt Geschäf­te gemacht werden, denn erstens ist das Reservoir an in aller Welt verstreuten jüdischen Menschen unerschöpflich, zweitens wollen die meisten von ihnen ihre derzeitigen Stammländer (vor allem USA und Kanada) gar nicht verlassen (zumal es wohl keinen unsichereren Platz auf der Welt für jüdische Menschen gibt als im Staat Israel), umgekehrt kehren – drittens – immer wieder (und immer mehr) jüdische Einwanderer Israel enttäuscht den Rücken (was die zionistischen Akteure geflissentlich verschwei­gen), und viertens ist der beständige Ausblick auf „das Ende“ schlicht und ergreifend nichts als Chimäre – ein Trugbild.

Zugleich sind solche Schwärmer oft auch martialische Kriegstreiber (vor allem im Nahen Osten und neuerdings gegen den Iran), leisten oft einem Antiarabismus Vorschub (Palästinenser werden mit den antiken Philistern assoziiert, den ehemaligen Feinden des alten Israel), sind oft Klimawandelleugner, Umweltschutz-Muffel und – dazu passend – Trump-Anhänger, denn: Wenn „das Ende nahe“ ist, was brauchen wir uns da noch lange um die Umwelt zu sorgen! Geschäftstüchtige Reiseveranstalter organisie­ren zionistisch gefärbte („embedded“) Reisen in „God’s Promised Land“, um vermeintliche „Verheißungserfüllungen“ vor Augen zu führen, wenn etwa das ehemals kahle Hügelland und die Negev-Wüste durch Aufforstungen wieder ergrünt.

Diese drei neuen Prämissen haben zu dem befremdlichen Kult geführt, dass evangelikale Zionisten seit 1948 – wie ehemals um Aarons „Goldenes Kalb“ – gleichsam um den Staat Israel tanzen und das heutige „jüdische Volk“ bewundernd erheben, als sei es der „Augapfel Gottes“ selbst, sodass ein kritisches „Antasten“ Israels als Sakrileg gilt. Bei Gottesdiensten und entsprechen­den Veran­staltungen schwenken sie die israelische Nationalflagge und verehren ein Hexagramm-Symbol mit magisch abweh­render Bedeutung, das freilich schon durch das ganze Mittelalter hindurch von Muslimen, Christen und Juden gleichermaßen als Talisman gegen Dämonen und Feuergefahr verwendet wurde und bis ins 19. Jahrhundert ein allgemeines religiöses Symbol war, ehe es von den Zionisten als ihr exklusives Staatssymbol entdeckt wurde („Davidstern“).

Doch über all dem lassen folgende alarmierende Verhaltensweisen der evangelikal-zionistischen Community aufhorchen: Nachdem ihre Protagonisten, einschließlich evangelikaler Buchautoren und Verleger, seit den Jahren nach 1948 und 1967 die Geschichtsdarstellung der israelischen Administration und ihre Jubel-Propaganda zum Nahost-Konflikt und zur Staatsgründung gutgläubig übernommen hatten, verabsäumten sie es im Gegenzug bis heute, die längst veränderte Historiografie aufgrund der Öffnung der israelischen Archive seit den 1980er Jahren in Israel und damit die Neubewertung historischer Fakten überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn zu berücksichtigen. Es „kann“ doch nicht sein, dass „Gottes Volk“ himmelschreiende Verbrechen begehe oder gar die ganze zionistische Bewegung nur eine profane Spätlingsgeburt kolonialistischer Ideologie sowie die „biblische“ Etikettierung ein genialer Marketinggag wäre – oder allenfalls ein gelungener Fall von „Self Fulfilling Prophesy“…! Diesbezüglich herrscht ein geradezu hermetisches Schweigen und Ignorieren der neuen zeitgeschichtlich-wissen­schaftlichen Erkenntnisse, die sich mittlerweile in der Fachwelt, insbesondere unter namhaften israelischen Histo­rikern, längst durchgesetzt haben (infolge dessen der – laut Prof. Moshe Zuckermann – „Antisemitismus-Vorwurf als [neozionistisches] Herrschafts­instrument“ ins Leere zielt). Mit dieser standhaft beibehaltenen Tabuisierung der wahren Rolle der Machthaber im Nahost-Konflikt folgen sie auffallend beflissen der Politik der Neo-Zionisten. Dazu folgender Exkurs als Hintergrundinformation:

Zwar waren im Jahr 1999 Schulbücher für den Geschichtsunterricht in Israel eingeführt worden, welche die Nakba (arab. „Katastrophe“) als traumatisches Erlebnis der palästinensischen Bevölkerung und eine aktive Rolle des israeli­schen Staates und Militärs bei Vertreibungen während des Gründungskrieges von 1948 thematisierten. Doch der spätere israelische Premierminister Ariel Scharon sprach sich schon 2001 im Rahmen einer Wahlkampfrede dafür aus, die – mittlerweile erhärteten – Thesen der sog. Neuen Historiker um Simcha Flapan, Tom Segev, Ilan Pappe und anderen aus den Schul­büchern zu verbannen. Die israelische Professorin für Komparatistik an der Hebräischen Universität Jerusalem, Nurit Peled-Elhanan, verfasste später eine Studie darüber, wie tendenziös in israelischen Schulbüchern über Palästina und die palästinensische Bevölkerung berichtet und dadurch Ressentiments und Rassenhass unter der israelischen Schuljugend gegen „die Araber“ geschürt wird. Diese außerordentlich lesenswerte Studie wurde in Buchform veröffentlicht: „Palestine in Israeli school books. Ideology and propaganda in education”. London: I.B. Tauris, 2012, ISBN 978-1-78076-505-3, 268 S.
Es lohnt sich, Frau Peled-Elhanan in dem 28minütigen Interview aus dem Jahr 2011 auf YouTube kennenzulernen: https://www.youtube.com/watch?v=pWKPRC-_oSg. Landkartendarstellungen in israelischen Geographiebüchern weisen Palästina nicht mehr aus – das gesamte Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan wird in ein und derselben Farbe dargestellt.

2008 verbot das israelische Ministerium für Kultur und Sport die Verwendung des Wortes Nakba in arabischsprachigen Schulbüchern. Minister Gideon Saar erklärte, es gebe keinen Grund, die Gründung des Staates Israel in offiziellen Unterrichtsprogrammen als „Katastrophe“ darzustellen. Im März 2011 beschloss die Knesset (das israelische Parlament) daher ein kontroverses Gesetz (das Nakba-Gesetz), das zwar nicht das Gedenken verbietet, aber jene Institutionen bestraft, die solche Gedenkfeiern abhalten oder unterstützen. Zudem erlaubt es dem Finanzministerium, staatliche Förderungen für solche Institutionen zu kürzen. [Ende Exkurs]

Nichtsdestoweniger trotzen evangelikale Zionisten nach wie vor der historischen Wahrheit, um stattdessen den Staat Israel pauschal als „Erfüllung alttestamentlicher Weissagungen“ – ohne seriösen biblischen Nachweis – vorzeigen zu können und damit zu „legitimieren“. Mit diesem Argument meinen sie, auch seine völkerrechtswidrige und oftmals verbrecherische Politik gegenüber der bodenständigen Bevölkerung als „Gottes Werk“ weißwaschen zu können. Doch machen sie sich – abgesehen von dieser geradezu blasphemischen Unterstellung – des Bruchs wesentlicher biblischer Rechtsvorschriften schuldig, allen voran das Verbot einseitiger Parteinahme und der Unterdrückung von Beweismitteln.

So ist der Verdacht nur noch schwer von der Hand zu weisen, dass solche Kreise samt ihren Ausbildungsstätten von der „Hasbara“-Propaganda (das ist die mit jährlich zig Millionen Dollar dotierte „Erklärungs“-Strategie der Israel-Lobby) erfolgreich zum Stillhalten „angefüttert“ werden. Sie müssen sich jedenfalls den Vorwurf gefallen lassen, Zionismus-hörig auf der falschen Seite Israels zu stehen, statt auf der Seite der Gerechtigkeit, der historischen Wahrhaftigkeit und der Solidarität mit den Unterdrückten und Schwachen der Gesellschaft, wie es schon die biblischen Propheten immer wieder eingemahnt hatten und einer zentralen Forderung der Lehre Jesu entspricht.

Fazit

Diese Bewegung des „evangelikalen Zionismus“ ist daher weder historisch gesehen „evangelikal“, noch konsequent „bibeltreu“. Auch wenn sich dessen die meisten ihrer Fangemeinden offenbar nicht bewusst sind, beweisen sie doch nicht einmal ein konsequentes Demokratieverständnis im Sinne der Trennung von Religion und Staat.

Die Ähnlichkeiten zwischen ihren drei Lehrprämissen (s. o.) und den analogen halachisch-kabbalistischen Vorstellungen sind offen­sichtlich: (1) die Behauptung eines grundlegenden „Unterschieds“ zwischen Nichtjuden und Juden, (2) die vermeint­liche Not­wendigkeit einer aktiv betriebenen Sammlung („Rückführung“) aller jüdischen Menschen ins „Gelobte Land“ auf Basis territo­rialmagischer Vorstellungen und der behaupteten „biblischen und historischen“ Berechtigung einer exklusiven Aneignung des Landes mit allen Mitteln, (3) die Erwartung des „baldigen“ Anbruchs eines messianischen Chiliasmus mit jüdischer Vorherrschaft.

Diesen drei Lehrprämissen und den gewählten Mitteln widerspricht so gut wie alles, was die Verfasser des Neuen Testaments gemäß dem Schriftverständnis ihres Meisters als Vermächtnis hinterlassen haben. Hier eine kleine Auswahl: Die „Land“-Verhei­ßung an Abraham ist in dem „unverwelklichen Erbe“ durch das Evangelium endgültig erfüllt (1Pet 1,4; Heb 11). Weiters: die Gül­tigkeit der „Goldenen Regel“ allen Menschen gegenüber, da es vor Gott kein Ansehen der Person gibt ▪ die Verurteilung unter­lassener Hilfeleistung ▪ der Verzicht auf Rache und Vergeltung ▪ die Ächtung von Geld- und Machtgier ▪ die Verpflich­tung, sich für Frieden und Gerechtigkeit aktiv einzusetzen ▪ die Erkenntnis, dass Gerechtigkeit die Voraussetzung für Frieden unter­einander ist ▪ Aufrichtigkeit und Wahr­heitsliebe ▪ Verbot der Parteilichkeit („Parteiisch sein ist eine üble Sache, aber man­cher lässt sich schon durch ein Stück Brot zum Bösen verführen.“ Spr 28,21) ▪ demütige Selbstprüfung (Selbstkritikfähigkeit) ▪ Gewissens­freiheit ▪ Solidarität („Tragt stets einer des anderen Lasten und erfüllt auf diese Weise das Gesetz des Christus.“ Gal 6,2).

Mit diesen gerafften Ausführungen hoffe ich, Ihnen anschaulich vor Augen geführt zu haben, welch verheerende Signalwirkung eine parlamentarische Annahme dieses „Entschließungsantrags“ sowohl für den friedliebenden Teil des jüdischen Volkes (der bei weitem überwiegt) als auch für das an die Wand gedrückte palästinensische Volk bedeuten würde.

Darüber hinaus sollte meine Darstellung dazu verhelfen, mittels klar definierter Begriffe ungerechtfertigten Pauschalurteilen entgegenzuwirken und alles, was immer unter „christlich“ im Allgemeinen und unter „evangelikal“ im Besonderen firmiert, differenziert zu betrachten. – Ich danke für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit!

Überarbeitetes und stark erweitertes Manuskript zur Kundgebung der Palästina Solidarität Österreich.

©/Fritz Weber, fwweber (a) web.de

Nachtrag

Am 70. Jahrestag der Staatsgründung, am 14. Mai 2018, versammelte sich in Jerusalem zur Eröffnungszeremonie für die aus Tel Aviv-Jaffa übersiedelte US-amerikanische Botschaft eine illustre, hochpolitische und religiöse, bemerkenswert exklusive Gesellschaft – bestehend nicht nur aus säkular- und religiös-nationalistischen Politikern neben diplomatischen Delegationen und internationalen Vertretern, sondern auch aus Leitern evangelikal-zionistischer Organisationen und Bewegungen wie der Tele-Evangelist und Gründer von „Christians United for Israel“ (CUFI), John Hagee, und der baptistische „Mega-Church“-Pastor Robert Jeffress aus Texas, Seite an Seite mit Rabbi Zalman Wolowik und dem Trump-Schwiegersohn Jared Kushner, beide mit der kabbalistisch-messianistischen Chabat-Bewegung assoziiert. Von John Hagee ist der ungeheuerliche, anmaßend-exklusivistische Anspruch und Vorwurf bekannt, den er 2014 in einem Interview erklärt hat:

„Entweder ist man ein Christ oder ein Antisemit. Schlussfolgerung: Wenn man nicht für Israel und das Jüdische Volk ist, ist man entweder ein biblischer Ignorant, oder man ist kein Christ.“

Zum selben Zeitpunkt, nicht allzu weit von diesem Event entfernt, fand simultan ein blutiges, mörderisches Vorgehen des hochgerüsteten israelischen Militärs gegen unbewaffnete, um Befreiung aus dem weltweit größten „Freiluftgefängnis“ des Gaza-Streifens kämpfende nichtjüdische Menschen statt. Die verstörende Gleichzeitigkeit der von den Medien live gelieferten Bilder – triumphale Jubelfeier („campaign rally atmosphere“) in Jerusalem und Partystimmung in Tel Aviv auf der einen Seite, schwerverletzende und tödliche Angriffe durch Tränengas und Scharfschützen gegen verzweifelte, gewaltfrei demonstrie­rende, blutende und sterbende Männer, Frauen und Kinder auf der anderen Seite – offenbarte die Surrealität dieses krassen Gegensatzes und der Antichristlichkeit dieser neo-zionistischen Bewegung. (Life-Mitschnitt: https://youtu.be/UzTYXjVQRaA)

Dazu kann ich als ein dem Evangelium von Jesus verpflichteter evangelikaler Christ nur ausrufen: „Not in my name!“