Die Mehrzahl der jüdischen Israelis jubelt über den Angriff gegen den Iran
von Helga Baumgarten
Am Samstag morgen – an einem Tag zum Ausschlafen – werden wir fast aus dem Bett katapultiert: unsere Handys geben einen ohrenbetäubenden Alarm ab. Kurz danach beginnen die Sirenen und dann hören wir Explosionen und Einschläge: Lärm, Lärm, Lärm … so kommt der israelisch-amerikanische Angriffskrieg gegen den Iran bei den Palästinensern in Jerusalem an.
Alle rennen zum Fenster, die jungen Leute steigen auf die Dächer, um besser beobachten zu können: Streifen am Himmel, die Richtung Westen, also Küstenregion und Tel Aviv, führen und aus der Ferne aufsteigender Rauch: von Einschlägen oder von den israelischen Abwehrraketen: „Iron Dome“ und andere.
Die folgenden Stunden bestehen aus der Verfolgung der live-Nachrichten auf dem arabischen al-Jazeera Sender und abwechselnd aus neuen Handy-Alarmen, Warnsirenen und Geschossen aller Art und den entsprechenden Explosionen.
Al-Jazeera ist überall vor Ort (-nur in Israel ist ihre Präsenz verboten: als „feindlicher“ Sender-): in Ramallah mit einem Team unter Walid al-Omari. Sie verfolgen detailliert alle israelischen Berichte: offizielle Verlautbarungen, Reden der politischen und militärischen Führung mit live-Übersetzungen. Korrespondenten berichten aus Teheran, aus sämtlichen Golfstaaten und natürlich aus Washington.
Wer fundierte, kritische Informationen und Analysen möchte, folgt im Internet den Webseiten von Chris Hedges, Judge Andrew Napolitano (- der Judge interviewt als ersten, früh am Morgen in den USA, Scott Ritter -), Open Democracy, Drop Site News mit Jeremy Scahill und viele andere. Jeder, der hier lebt, kann ohne diese Webseiten nicht leben.
Gaza ist derweil völlig aus den Nachrichten verschwunden. Aber es gibt zum Glück die „United4Gaza Initiative“, bestehend aus ehemaligen UN-Mitarbeitern. Sie haben sich auf dieser Liste zusammengetan und liefern kontinuierlich die neuesten Horrorberichte aus Gaza: Israels erste Aktion am Samstag: alle Übergänge nach Gaza und aus Gaza heraus werden abgeriegelt. Das betrifft nicht nur die Tausenden von Kranken, die, um eine Chance fürs Überleben zu haben, zur Behandlung ins Ausland müssen. Es gilt vor allem für die nach wie vor dringend notwendige Einfuhr von Nahrungsmitteln, Medizin und vielem anderen mehr. Israel argumentiert, dass in Gaza mehr als genug Nahrung vorhanden sei. Parallel dazu geht die Tötungsmaschine weiter mit der „täglichen Ration“ an Toten, Verletzten und Zerstörung von Gebäuden.
In Ost-Jerusalem versorgen sich derweil alle an den Geldautomaten mit Bargeld. Vor einem Automaten in einem orthodoxen Viertel, das an den Ostjerusalemer Stadtteil Shufat grenzt – das Sirenengeheule beginnt gerade wieder – fragen zwei orthodoxe Juden erstaunt einen Palästinenser, was denn los sei. Es war inzwischen 12 Uhr mittags und Telefonalarme und Sirenen hatten uns seit 8.30 lokale Zeit in Atem gehalten. Unsere orthodoxen Nachbarn sind zu bewundern, wie sie all dies aus ihrer Wahrnehmung ausschließen konnten.
Tag zwei des Angriffskrieges endet mit massiven Raketen- und Drohnenangriffen. Ob man will oder nicht, zieht man die Rollläden hoch: wieder die schon bekannten Raketenstreifen am Himmel, Richtung Tel Aviv, und die nicht zuletzt in Jerusalem abgeschossenen israelischen Abwehrraketen, stationiert in den kolonialistischen Siedlungen, oft mit Militärstützpunkten, rund um die Stadt. Direkt gegenüber von meiner Wohnung, in der Siedlung Ramat Shlomo, bildet sich massiver Rauch: anscheinend ist ein Teil einer Abwehrrakete oder ein Teil einer abgeschossenen Rakete aus dem Iran niedergegangen.
Tag drei beginnt wie Tag eins und zwei: Alarm und Explosionen. Und mit den Nachrichten, dass Israel jetzt dabei ist, den Südlibanon in ein zweites Gaza zu verwandeln. Bilder unsäglicher Zerstörung und Trecks von Vertriebenen Richtung Beirut. Alles bekannt: die israelische Armee fordert die Menschen auf, den gesamten Süden des Landes zu räumen.
Falls die Welt es noch nicht weiß: US-Botschafter Mike Huckabee in Jerusalem hat klar formuliert, dass diese gesamte Region, vom Nil bis zum Euphrat, Israel gehört.
