Michael Srba-Deywicz · 17. Oktober 2026

Vom konkreten Missstand zur politischen Krise

Am Anfang standen keine großen geopolitischen Erklärungen. Französische Schüler:innen protestierten gegen überfüllte Klassen, fehlende Lehrkräfte, marode Schulgebäude und Stundenpläne, die den Schultag bis in den Abend hinein verlängern. Es ging um Missstände, die unmittelbar erfahrbar sind – und um die schlichte Forderung, in einer Schule lernen zu können, die ihren öffentlichen Auftrag erfüllt. Gerade deshalb reichte die Mobilisierung über den Kreis der ohnehin politisierten Jugendlichen hinaus: Fast jede Familie kennt solch eine Schule, in der es an Personal oder Platz fehlt. Und fast jede:r weiß, was es bedeutet, wenn ein öffentlicher Dienst auf dem Papier existiert, im Alltag aber nicht mehr verlässlich funktioniert.

Der politische Umschlag kam, als der Staat auf die Proteste nicht in erster Linie mit Gesprächen, sondern mit massiver Polizeipräsenz, Festnahmen und brutalen Übergriffe reagierte. Damit verschwanden die ursprünglichen Forderungen keineswegs. Deswegen kam eine neue Frage hinzu: Was geschieht mit jungen Menschen, die auf reale Missstände aufmerksam machen? Werden sie gehört – oder als Sicherheitsproblem behandelt, womöglich sogar misshandelt? Aus einer begrenzten Mobilisierung für bessere Schulen konnte so ein Brennpunkt umfassenderer Kritik werden. Nicht, weil plötzlich alle Schüler:innen ein geschlossenes Gegenprogramm zu Macron formuliert hätten, sondern weil die Reaktion der Macht den Blick über den Schulhof hinauslenkte.

Darin liegt die politische Bedeutung dieser Proteste. Eine Bewegung, die zunächst sektoral oder gar randständig wirkt, kann eine Schleuse öffnen. Hinter den konkreten Beschwerden werden ältere Erfahrungen sichtbar: öffentliche Einrichtungen werden ausgedünnt, soziale Ungleichheit als Sachzwang dargestellt, und wer protestiert, begegnet oft zuerst der Ordnungsmacht. Die Schulfrage wird dadurch nicht zur Nebensache, sondern zum Zündfunken. Das Bild von der Büchse der Pandora passt – sofern man es nicht missversteht: Eine einzelne Kundgebung enthält nicht schon alle Antworten. Sie kann aber Konflikte, die lange nebeneinander bestanden haben, in dieselbe politische Öffentlichkeit ziehen.

Verfolgen wir also den Weg dieser Bewegung: von den berechtigten Forderungen der Schüler:innen über die staatliche Reaktion und die Ausweitung der Kritik bis hin zur Frage, was das über Macrons politisches Erbe und den neoliberalen Kurs seiner Vorgänger aussagt. In diesen Zusammenhang gehört auch Frankreichs Politik gegenüber Israel und Palästina – als Teil einer Außenpolitik, an der sich für viele die Glaubwürdigkeit europäischer Prinzipien messen lässt. Das bedeutet nicht, dass die Palästina-Solidarität den Schulstreik ausgelöst hätte. Es bedeutet vielmehr, dass die Kritik an selektiver Solidarität in eine breitere Auseinandersetzung über Europas politische Ordnung hineinpasst.

Die Forderungen waren konkret – und gerade deshalb politisch

Ende September meldete das französische Bildungsministerium laut Le Monde Störungen an mehr als tausend Lycées; zeitweise waren über zweihundert Einrichtungen verbarrikadiert. Die Schüler:innengewerkschaft Union syndicale lycéenne (USL) rief zu Blockaden auf, während Lehrkräfte und andere Beschäftigte des öffentlichen Dienstes eigene Arbeitskämpfe führten. Zu den wiederkehrenden Beschwerden gehörten fehlendes Personal, überfüllte Klassen, marode oder schlecht an die Hitze angepasste Gebäude, lange Schultage und die Belastung durch das Hochschulzulassungssystem Parcoursup
(Le Monde, 2. Oktober)

Auch die Zahlen aus einer staatlichen Konsultation zeigen, wie tief der Protest im Schulalltag verankert war. Von rund 60.000 ausgewerteten Beiträgen nannten 70 Prozent den Stundenplan; 48,2 Prozent verwiesen auf Schulgebäude oder deren Anpassung an Hitze, 27,2 Prozent auf den Ersatz und die Qualifikation von Lehrkräften und 22,5 Prozent auf zu große Klassen. Parcoursup spielte ebenfalls eine Rolle, war aber nicht das zentrale Anliegen. Das Bild einer Bewegung, die vor allem von parteipolitischen Parolen oder einer einzigen außenpolitischen Frage angetrieben werde, passt daher schlecht zu den dokumentierten Beschwerden. Die Demonstrant:innen verlangten zunächst schlicht Bedingungen, unter denen Bildung überhaupt gelingen kann.
(Le Monde, 10. Oktober)

Konkret heißt allerdings nicht unpolitisch. Eine Schule braucht ja Zeit, Räume, Personal und öffentliche Mittel. Wer diese Dinge einfordert, stellt zwangsläufig die Frage, welche Prioritäten eine Regierung setzt – und wer die Folgen knapper Ressourcen zu tragen hat. Die Schule ist zudem ein gesellschaftliches Versprechen: Herkunft und Wohnort sollen nicht allein über die Zukunft entscheiden. Wenn dieses Versprechen im Alltag brüchig wird, geht es nicht bloß um kaputte Fenster oder unbesetzte Stellen. Es geht um die Glaubwürdigkeit des Staates gegenüber einer Generation, von der er zugleich Leistung, Anpassungsfähigkeit und Eigenverantwortung verlangt.

Wie aus der Schulfrage eine Staatsfrage wurde

Die Proteste verliefen nicht überall friedlich. Berichte dokumentieren Sachbeschädigungen, Brände und Zusammenstöße. Zugleich demonstrierten viele Jugendliche friedlich; Gewalt an den Rändern erklärt weder die Forderungen der Mehrheit noch die gesamte Dynamik der Mobilisierung. Bis Mitte Oktober berichtete AP von Tausenden Festnahmen und Hunderten Verletzten; viele der Festgenommenen waren minderjährig. Der Einsatz von Tränengas und anderer Mittel der Aufstandsbekämpfung wurde selbst zum Gegenstand öffentlicher Kritik. Die Zahlen beziehen sich auf unterschiedliche Berichtszeiträume, doch schon ihre Größenordnung zeigt, wie weit der Konflikt über die ursprünglichen Schulfragen hinaus eskaliert war.
(AP, 13. Oktober; AP, 16. Oktober)

Wenn Jugendliche sagen, sie bräuchten Lehrkräfte, und ihnen stattdessen Polizeiketten gegenüberstehen, verändert sich die Bedeutung des Konflikts. Die Forderung nach besseren Schulen wird zur Frage, wie ein Staat mit Bürger:innen umgeht, die seine Versäumnisse öffentlich machen. Bilder verletzter Jugendlicher sind dann nicht bloß ein weiterer Nachrichtenstrang neben ausgefallenen Unterrichtsstunden. Sie können die ursprüngliche Beschwerde politisch aufladen: Wenn eine Regierung den Mangel an Ressourcen verwaltet, für die Kontrolle der Straße aber beträchtliche Mittel mobilisiert, wird diese Asymmetrie selbst zum Argument.

Das heißt nicht, dass jede Polizeimaßnahme gleich zu bewerten wäre oder für jede Gewalttat dieselbe Verantwortung gilt. Entscheidend ist, wie die Repression die öffentliche Wahrnehmung und damit den Deutungsrahmen verschiebt. Die Regierung bezeichnete Teile der Entwicklung als „urbane Gewalt“ und warf La France insoumise (LFI) vor, die Proteste zu instrumentalisieren oder anzuheizen. LFI und andere Kritiker:innen prangerten das Vorgehen als unverhältnismäßig an. Diese Auseinandersetzung zeigt, wie umkämpft die Deutung der Proteste war. Sie belegt für sich genommen weder eine zentrale Steuerung durch eine Partei noch die Illegitimität der ursprünglichen Forderungen.
(AP, 1. Oktober; Le Monde, 29. September)

Macronismus und das längere neoliberale Erbe

Es wäre zu einfach, diese Krise allein Emmanuel Macron anzulasten. Die schwierigen Schulbedingungen, regionale Ungleichheiten und der Druck auf öffentliche Dienste sind nicht erst unter seiner Präsidentschaft entstanden. Macrons Politik steht allerdings für eine bestimmte Zuspitzung und Symbolik: für eine Regierungssprache, die Reform, Wettbewerbsfähigkeit und Haushaltsdisziplin als alternativlose Modernisierung präsentiert, während Teile der Bevölkerung den Preis dafür täglich spüren. Der Protest richtet sich deshalb gegen Macron, aber nicht nur gegen ihn. Er berührt ein längeres politisches Erbe, an dessen Ausformung auch seine Vorgänger beteiligt waren.

„Neoliberalismus“ ist dabei ein politischer Begriff, kein neutraler Messwert. Er bezeichnet eine Ordnung, in der Marktlogik und Wettbewerb, Kostendisziplin und individuelle Anpassung Vorrang erhalten – ungefähr seit dem politischen Aufstieg Ronald Reagans und Margaret Thatchers – und öffentliche Leistungen zunehmend danach beurteilt werden, ob sie als effizient und finanzierbar gelten. Die Erfahrung vieler Menschen ist jedoch nicht abstrakt: eine überfüllte Klasse, eine fehlende Lehrkraft, ein unzureichendes Schulgebäude, ein junger Mensch ohne sichere Zukunftsperspektive. Wenn politische Antworten auf solche Erfahrungen immer wieder auf knappe Budgets und persönliche Resilienz verweisen, entsteht mehr als Ärger über eine einzelne Kürzung. Es wächst der Verdacht, dass ein System seine Versprechen systematisch nach unten weiterreicht.

In seinem Podcast vom 8. Oktober 2026 deutet Richard Murphy die Proteste in Frankreich als mögliches Zeichen dafür, dass neoliberale Politik – mit ihrem Vorrang für Haushaltsregeln, Wettbewerbsfähigkeit und Finanzmärkte – ihre gesellschaftliche Zustimmung zu verlieren droht. Murphy zieht einen Vergleich mit 1968: Eine Protestbewegung muss eine Regierung nicht unmittelbar stürzen, um die politische Gesellschaft auf längere Sicht zu verändern. Das ist eine plausible politische These, noch keine gesicherte Prognose. Sie führt aber zu einer entscheidenden Frage, die der Schulprotest aufwirft: Wie lange kann ein System Legitimität beanspruchen, wenn es auf sichtbare Mängel öffentlicher Dienste vor allem mit neuen Sparzwängen antwortet?
(Richard Murphy, 8. Oktober 2026)

Dass sich auch Studierende an selektiven Hochschulen den Protesten anschlossen, ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Le Monde berichtete von Blockaden an mehreren grandes écoles. Einige Beteiligte wollten ausdrücklich die Lycée-Bewegung stärken; andere verwiesen auf die prekäre Zukunft öffentlicher Universitäten, den Rückgang öffentlicher Dienste und die Gewalt gegen Demonstrierende. Das ist keine repräsentative Befragung. Es zeigt aber, wie eine konkrete Forderung in eine breitere Kritik hineinwachsen kann: von der Schule zur Universität, vom Unterricht zur öffentlichen Infrastruktur – und von einer einzelnen Regierung zur politischen Richtung eines Landes.
(Le Monde, 14. Oktober)

Palästina und Europas Glaubwürdigkeitskrise

In diese umfassendere Kritik gehört auch die Politik gegenüber Israel und Palästina. Das ist eine Erweiterung des von Murphy beschriebenen Gedankens, nicht eine These, die ihm zugeschrieben werden soll: Neoliberale Politik betrifft nicht nur die Verteilung öffentlicher Mittel im eigenen Land. Sie prägt auch den politischen Rahmen, in dem Regierungen wirtschaftliche Interessen und strategische Bündnisse gegen Menschenrechtsnormen abwägen. An der Israelpolitik wird deshalb ebenfalls die Glaubwürdigkeit europäischer Werte geprüft. Wenn europäische Regierungen Menschenrechte, Völkerrecht und den Schutz der Zivilbevölkerung als universelle Prinzipien vertreten, muss sich ihre Außenpolitik daran messen lassen, ob diese Maßstäbe auch gegenüber einem engen Verbündeten gelten.

Für pro-palästinensische Aktivist:innen ist das eine zentrale Frage. Sie richtet sich gegen eine wahrgenommene Hierarchie, in der das Leid mancher Menschen schneller politische Konsequenzen auslöst als das anderer. Der Zusammenhang ist hier politisch-analytisch, nicht organisatorisch: Der Umgang mit Palästina ist Teil der größeren Frage, wessen Sicherheit, Rechte und Leben in einer von Macht und Interessen geprägten Ordnung tatsächlich zählen.

In der französischen Schulmobilisierung finden sich konkrete Hinweise darauf, dass diese Kritik neben den Bildungsforderungen sichtbar war. Am 29. September berichtete die Nachrichtenagentur Anadolu von Schüler:innen vor dem Lycée Condorcet in Paris, die mehr Mittel und Personal forderten und zugleich Palästinaflaggen zeigten. Das belegt eine lokale Szene, keinen landesweiten Konsens. Le Monde berichtete außerdem, dass ein Student der École normale supérieure, der sich an der Unterstützung der Schulbewegung beteiligte, zuvor bei Protesten zur Unterstützung Palästinas aktiv gewesen war. Solche Beispiele zeigen, wie unterschiedliche politische Erfahrungen und Anliegen im selben öffentlichen Raum zusammenkommen können.
(Anadolu Agency, 29. September; Le Monde, 14. Oktober)

Die politische Verbindung reicht tiefer als eine gemeinsame Organisationsstruktur. Ein Protest gegen vernachlässigte Schulen und eine Demonstration für Palästina sind de facto nicht dasselbe. Beide können aber in eine Kritik an einer Ordnung münden, die Gleichheit verspricht und Ungleichheit verwaltet, universelle Rechte verkündet und sie in der Praxis verhandelbar erscheinen lässt. Die Palästinafrage wird dann zu einem besonders scharfen Prüfstein – nicht, weil alle Schüler:innen dazu dieselbe Meinung hätten, sondern weil die Kluft zwischen Europas moralischer Sprache und seiner politischen Praxis für viele Aktivist:innen kaum zu übersehen ist.

Eine mögliche Bruchstelle?

Die französischen Schulproteste haben bis jetzt weder das politische System gestürzt noch eine einheitliche Bewegung gegen den Neoliberalismus hervorgebracht. Da wäre etwas voreilig. Sichtbar geworden ist etwas anderes: wie rasch ein konkreter Missstand eine umfassendere Anklage tragen kann, wenn die Reaktion der Macht als Geringschätzung oder Gewalt erlebt wird. Erst die Schule, dann die Straße, dann die Frage nach den Prioritäten der Regierung – so kann sich der politische Horizont einer Mobilisierung öffnen.

Macron steht dabei sicherlich nicht allein. Er ist der sichtbare Träger eines politischen Kurses, dessen Vorgeschichte weiter zurückreicht und dessen Grundannahmen – Sparzwang, Wettbewerb, individuelle Anpassung – weit über Frankreich hinausreichen. Wenn die Proteste diesen Kurs infrage stellen, kann ihre Wirkung auch jenseits Frankreichs spürbar werden: nicht als automatischer Export eines Aufstands, sondern als Anstoß, ähnliche Entwicklungen in Österreich und anderswo genauer in den Blick zu nehmen – und sich ihnen gegebenenfalls entgegenzustellen. Die europäische Öffentlichkeit und digitale Medien können solche Resonanzen beschleunigen. Ob daraus organisierte politische Veränderung entsteht, hängt jedoch von den jeweiligen lokalen Bedingungen ab.

Die Palästinafrage gehört sicherlich in diese Betrachtung, weil sie die moralische Glaubwürdigkeit europäischer Politik besonders scharf auf die Probe stellt. Für Aktivist:innen ist die Kritik an der Behandlung der Palästinenser:innen Teil der Frage, ob Europas Werte tatsächlich universell gelten oder nur selektiv dort, wo ihre Verteidigung politisch bequem ist. Wenn eine Bewegung zugleich gegen vernachlässigte Schulen, andere gegen Repression und gegen selektive Solidarität protestiert, müssen ihre Anliegen nicht unbedingt völlig identisch sein, um einander politisch zu verstärken.

Vielleicht wäre das die eigentliche Pointe dieses französischen Moments: ein Damm bricht selten dort, wo die größte Theorie formuliert wird. Alles begann an Schulen, dann kam die Polizei, die Bilder verbreiteten sich, und aus einer lokalen Forderung wurde plötzlich eine viel größere Frage: was schützt der Staat, was vernachlässigt er – und wessen Leid nimmt er überhaupt noch wahr?

Frankreich und Österreich sind gewiss nicht identisch. Wenn dieselbe Frage aber auch hier gestellt wird, dann nicht, weil Paris Wien eine Bewegung diktiert. Sondern weil Menschen in verschiedenen Ländern ihre eigenen Erfahrungen mit den politischen Versprechen vergleichen, die ihnen gemacht werden. Und weil die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit irgendwann so groß werden kann, dass sie sich nicht mehr mit wohlklingenden Erklärungen überbrücken lässt.

Sapere aude!