Offener Brief von Sarah Moayeri an den Verein Zara gegen deren Beteiligung an der Kundgebung der neu gegründeten Initiative „Wien gegen Antisemitismus“
Liebe Kolleg:innen,
anbei wende ich mich an Sie und den Verein Zara mit der Bitte um Erklärung und Entschuldigung bzgl folgender Angelegenheit.
Ich war sehr schockiert zu sehen, dass Zara sich als rassismuskritische NGO an so einer Veranstaltung beteiligt hat und denke auch, dass eine öffentliche Distanzierung angebracht wäre.
Am 17. Juni 2026 fand am Platz der Menschenrechte eine Kundgebung der neu gegründeten Initiative „Wien gegen Antisemitismus“ statt. Unter folgendem Link ist die Aufnahme zu finden:
https://de.cba.media/781646, Aufruf am 19.6.26
Diese Veranstaltung hat objektiv gesellschaftlichen Schaden angerichtet und Rassismus befördert, indem der Grundtenor war: Antisemitismus würde primär von migrantischen und muslimischen Communities sowie von der Linken / der palästinasolidarischen Bewegung ausgehen. Ich denke, Zara als Verein sollte wissen, warum dieses Narrativ nicht nur keineswegs der Realität entspricht, sondern auch rassistische Denkmuster reproduziert.
Zahlreiche Redebeiträge zeichneten das Bild, Antisemitismus trete heute vor allem unter dem Deckmantel der Palästinasolidarität auf. So erklärte Marie-Louise Weissenböck, seit dem 7. Oktober 2023 trete der „alte Antisemitismus unter dem Etikett der Palästinasolidarität neu auf“. Sie bezeichnete die Begriffe „Genozid“ und „Apartheid“ als politisch motivierte Kampfbegriffe und erklärte den Vorwurf des Kolonialismus gegenüber Israel als „lächerlich“.
Martin Engelberg (ÖVP) behauptete, Medien und Politiker*innen hätten nach Beginn der israelischen Militäroffensive „Hamas-Propaganda teilweise eins zu eins übernommen“. Gleichzeitig erklärte er, Israel werde systematisch diffamiert, während die Verbrechen der Hamas verschwiegen würden. Nichts könnte weiter weg von der Realität sein. Abschließend forderte er Solidarität mit Israel „in seinem Kampf um die Sicherheit und das Überleben des Staates“.
Diese Beiträge eint ein gemeinsames Narrativ: Kritik an der israelischen Kriegsführung wird als Desinformation oder antisemitisch motivierte Kampagne dargestellt, während die völkerrechtliche und menschenrechtliche Kritik an der israelischen Regierung weitgehend ausgeblendet oder delegitimiert wird. Dass zahlreiche internationale Menschenrechtsorganisationen sowie Expert*innen der Vereinten Nationen die israelische Kriegsführung scharf kritisieren und Vorwürfe bis hin zum Genozid erheben, blieb unerwähnt.
Ich erwarte von Zara nicht einmal eine klare Haltung zum Genozid in Palästina, auch wenn das eigentlich für eine rassismuskritische NGO angebracht wäre. Doch es ist das Mindeste, die rassistischen Strukturen hinter solchen Narrativen zu erkennen, zu benennen und zu bekämpfen.
Während die FPÖ Rekordumfragewerte verzeichnet und die konservativen Parteien wie die ÖVP ihr mit ihrer eigenen rassistischen Politik den Weg bereiten, antimuslimischer Rassismus immer salonfähiger wird und mit ihm rassistische Angriffe zunehmen, wurde hier versucht, „die Linke“ und die palästinasolidarische Bewegung als Gefahr für Jüdinnen und Juden zu präsentieren, während der Aufstieg der Rechten und Rechtsextremen kaum zur Sprache kam. Dies reiht sich direkt in die staatlich geförderte Propaganda vom „importierten Antisemitismus“ ein, mit dem Ziel, muslimische, palästinensische, arabische Menschen zu Feindbildern zu erklären. In diesem Sinne hat diese Veranstaltung direkt antimuslimischen Rassismus befördert.
Besonders deutlich wurde dies durch die schon erwähnte Teilnahme des rechten ÖVPlers Martin Engelbergs, der in der Vergangenheit als Kurz-Unterstützer unter Türkis-Blau auftrat und öffentlich erklärte: „In Österreich kommt die wahre antisemitische Bedrohung von den Muslimen, nicht den Nazis.“ https://www.derstandard.at/story/2000070667718/oevp-mandatar-verteidigt-in-israel-tuerkis-blau)
Auch Berivan Aslan (Grüne) reproduzierte in ihrer Rede entsprechende Narrative, indem sie erklärte, manche „Pseudo-Antifaschist*innen“ glaubten, besonders progressiv zu sein, weil sie an der Seite „Zugewanderter“ stünden, und dies mit einer persönlichen Geschichte über eine Anfeindung durch einen „Zugewanderten“ verband. Anstatt strukturelle Formen von Rassismus oder Rechtsextremismus zu thematisieren, wurde erneut die Konstruktion eines migrantischen Problems bedient.
Neben konservativen Politikerinnen traten auch Vertreterinnen von Organisationen auf, die sich selbst als zivilgesellschaftlich oder antifaschistisch verstehen – so wie Zara. Dadurch entstand der Eindruck eines breiten gesellschaftlichen Konsenses.
Unter dem Banner der Antisemitismusbekämpfung wurde ein Bündnis geschaffen, das konservative Regierungspolitik, antimuslimische Narrative und die Delegitimierung palästinasolidarischer Bewegungen miteinander verbindet.
Gerade dadurch trägt eine solche Veranstaltung nicht zum Kampf gegen Diskriminierung bei, sondern stärkt ganz im Gegenteil Narrative, Strukturen und Lobbygruppen, die muslimische, arabische und palästinensische Menschen ganz gezielt unter Generalverdacht stellen.
Zaras Aufgabe wäre es in diesem Sinne eigentlich, eine solche Veranstaltung zu kritisieren und aus rassismuskritischer Sicht zu entlarven, anstatt sich zu beteiligen und ihr somit Legitimation zu verleihen.
Ich habe selbst in der Vergangenheit viel und gut mit Zara zusammengearbeitet, als Lehrerin und auch im aktivistischen Kontext – zuletzt als es um den Kampf gegen das rassistische Kopftuchverbot ging und hoffe sehr, dass die angesprochenen Punkte zur Reflektion anregen.
Viele Grüße,
Sarah Moayeri
