Nur ein konsequenter Antizionismus ist in der Lage, den weltweiten Vormarsch des Antisemitismus nachhaltig zu stoppen.

Oft begegnen uns Texte, in denen Pedanten versuchen, ihre Ansichten hinter verschlungenen Formulierungen und rhetorischen Kunstgriffen zu verbergen. Gewiss, Rhetorik ist eine feine Kunst – sie spiegelt Eloquenz und Raffinesse wider. Doch sobald sie dazu missbraucht wird, fadenscheinige Argumente zu stützen oder widersprüchliche Meinungen zu verteidigen, verfällt sie in die Sophistik. Ein solcher Ansatz mag kurzfristig verfangen, doch einer ernsthaften wissenschaftlichen und moralischen Prüfung hält er auf Dauer nicht stand.

Die Falle der zionistischen Apologie

Ein Paradebeispiel für diese Art der „Intellektuellen-Rhetorik“ ist Hans Winklers jüngster Artikel in der Presse. Winkler agiert hier als westliches Sprachrohr einer zionistischen Apologie, die legitimen politischen Widerstand gegen ein siedlerkoloniales Projekt gezielt mit Rassenhass gleichsetzt. Indem er die Befreiung der Palästinenser als „absurd“ abtut, ignoriert er die brutale Realität vor Ort und nutzt akademische Spitzfindigkeiten, um die anhaltende Vernichtung und Enteignung eines ganzen Volkes zu rechtfertigen.

Winklers Versuch, Antizionismus untrennbar mit Antisemitismus zu verknüpfen, ist ebenso kläglich wie durchschaubar. Er greift sich einen einzelnen, zweifellos verabscheuungswürdigen Slogan einer Demonstration heraus, um den gesamten pro-palästinensischen Aktivismus als gewalttätigen Extremismus zu brandmarken. Das ist keine Analyse, das ist rhetorische Instrumentalisierung.

Kontext statt emotionaler Erpressung

Anstatt auf emotionale Erpressung durch das Aufwühlen historischer Bilder zu setzen, laden wir dazu ein, objektiv zu bleiben. Wer sich einseitig auf die Verfehlungen Einzelner konzentriert, verkennt den historischen Kontext: den Widerstand einer indigenen Bevölkerung gegen eine nunmehr 78 Jahre andauernde Militärbesatzung, die sich über unzählige UN-Resolutionen hinwegsetzt.

Niemand erwartet von jüdischen Nachbarn, dass sie einen Schild mit der Aufschrift „Antizionist“ um den Hals tragen. Solche schändlichen Vergleiche und beschämende Allegorien bleiben den Nazis vorbehalten. Es ist beschämend, wenn die jüdische Tragödie instrumentalisiert wird, um zionistischen Rassismus, Ethno-Suprematismus und die Verbrechen eines Staates zu rechtfertigen, der Zionismus als Staatsideologie pflegt.

Die wahre Gewalt

Die wahre Gewalt findet nicht in Form eines Slogans auf einer Schweizer Straße statt. Sie findet in den Drohnenangriffen, der systematischen Zerstörung und den Kontrollpunkten statt, die für Millionen von Palästinensern den Alltag bestimmen. Wer diese Hierarchie der Gewalt ignoriert, betreibt Kontextmanipulation und erweist der Wahrheit einen Bärendienst.

Antizionismus ist kein Hass, sondern die politische Ablehnung einer gewalttätigen Ideologie des Ethnonationalismus. Was Winkler als „absurd“ bezeichnet, ist für vernünftige Menschen schlicht gesunder Menschenverstand : Die Ablehnung eines Staates, der auf ethnischer Säuberung – der Nakba von 1948 – gegründet wurde, ist kein Religionshass, sondern eine Forderung nach Gerechtigkeit. Jedes Gegenargument ist nicht nur unehrlich, sondern ist ein bewusster Schutzschild, um Israel vor dem Völkerrecht abzuschirmen.

Die unbequeme Geschichte

Winkler räumt selbst ein, dass die frühen Zionisten säkular waren – inspiriert vom europäischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts. Er gibt auch zu, dass orthodoxe Juden jahrhundertelang für Jerusalem beteten, ohne den Drang zu verspüren, es ethnisch zu säubern. Herzl und seinesgleichen war nicht einmal daran gelegen, *wo* das angestrebte „jüdische Heimatland“ liegen sollte – Hauptsache, es konnte errichtet werden.

Doch während Winkler den Zionismus als schlichte Suche nach einer „Heimat“ darstellt, in der Juden menschenwürdig leben können, verschweigt er, dass diese „Heimat“ auf unseren bestehenden Häusern, Dörfern und unserer Geschichte errichtet wurde. Er zitiert Leo Pinskers romantische „Vision“, erwähnt aber nicht, dass diese Vision die systematische Vertreibung der einheimischen Bevölkerung erforderte.

Die „Versicherungspolizze“, die unsere Vertreibung als Prämie hat!

Winkler zitiert Israel als eine Art „Versicherungspolizze“ für jüdische Familien. Diese Metapher ist zutiefst zynisch. Eine Versicherung impliziert Schutz ohne Kosten für Unbeteiligte. Doch Israels „Schutz“ basiert auf der permanenten Unsicherheit, Vertreibung und militärischen Besatzung des palästinensischen Volkes.

Die Hasbara‑Propaganda behauptet zudem, Israel sei der einzige Garant jüdischer Sicherheit – ohne Israel drohe eine Wiederholung des Holocaust. Diese emotionale Erpressung dient dazu, endlosen Krieg und Enteignung zu rechtfertigen. Und im Kern offenbart sie eine rassistische Hierarchie des Leidens: Das Leid einer Gruppe wird als akzeptabel betrachtet, um die Sicherheit einer anderen zu gewährleisten.

Die „Prämie“ für diese Versicherung wird mit dem Blut und dem Land der Palästinenser bezahlt – finanziert durch US-Steuergelder und zementiert durch einen völkermörderischen Alltag.

Täter‑Opfer‑Umkehr

Die Behauptung, „propalästinensische und antiisraelische Demonstrationen seien der Beweis für die Berechtigung und Notwendigkeit des Zionismus“, ist eine klassische Täter‑Opfer‑Umkehr – genau jene, die wir aus den deutsch‑österreichischen Besserwisser‑Medien zur Genüge kennen.

Sackgasse oder Befreiung?

Sogar zionistische Denker wie Omri Böhm oder Omer Bartov erkennen mittlerweile, dass die gegenwärtige Struktur toxisch und nicht praktikabel ist. Sie fordern Alternativen, weil das zionistische Projekt in einer Sackgasse aus Arroganz und Gewalt gelandet ist. Doch anstatt diese vernünftige Schlussfolgerung zu ziehen, verharrt der westliche Journalismus in einem bösartigen Kolonialdünkel: Man spricht den Palästinensern die Mündigkeit ab und schiebt den Opfern die Schuld an ihrem eigenen Schicksal zu.

Dabei ist die Realität simpel: Gerechtigkeit hängt nicht von Machtverhältnissen ab, sondern von Freiheit für alle Menschen zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer.

Der nette Versuch, mit einem Zitat von Michael Wolffsohn Neutralität vorzutäuschen – das Heilige Land gehöre *niemandem*, nicht einmal den Juden – ist erbärmlich. Er ignoriert, dass die rechtmäßigen Eigentümer des Landes jene sind, die die Grundstückstitel besitzen und sie seit Jahrhunderten bewirtschaften. An dieser Stelle könnte man rhetorisch fragen: Wenn Wolffsohn recht hätte, warum ist dann ein jüdisch‑nationalistischer Staat berechtigt, die einheimische Bevölkerung systematisch zu enteignen?

Auch da bleibt Winkler seiner Linie treu, indem er versucht, die indigene palästinensische Präsenz in unserem eigenen Land zu delegitimieren. Er behauptet, die Zionisten hätten 1948 die Teilung „akzeptiert“, die Palästinenser hingegen nicht. Er ignoriert, dass kein Volk dieser Welt die Teilung und den Diebstahl seiner Heimat durch eine siedlerkoloniale Bewegung freiwillig hinnehmen würde. Was er als „absurd“ bezeichnet, ist schlicht die faktische Geografie Palästinas – ein Land, in dem wir seit Generationen leben, das nun unter einem einzigen System kolonialer Apartheid steht.

Der koloniale Reflex

Ob zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer (oder anderswo) Platz für einen jüdischen Staat ist, hängt nicht von den tatsächlichen Machtverhältnissen ab. Es hängt von Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit für alle Menschen dort. Man bezweifle ernsthaft, dass Herr Winkler als Nichtjude bereit wäre, in einem jüdischen Staat als Bürger zweiter Klasse zu leben.

Es ist ein bezeichnendes Versäumnis der westlichen Hegemonie, nicht anerkennen zu wollen, dass die Nationen des globalen Südens längst für sich selbst sprechen können. Anstatt sich in arroganter Anmaßung den Kopf darüber zu zerbrechen, was für ‚sie‘ das Beste sei, muss der Westen endlich lernen, zuzuhören – und aufhören, in die rassistischen und kolonialen Denkmuster des 19. Jahrhunderts zurückzufallen. Man unterschätze uns nicht: Wir sind eine hochgebildete, souveräne Nation. Trotz jahrzehntelanger Kriege, systematischer Blockaden und der gezielten Zerstörung unserer Bildungsinfrastruktur haben wir eine Alphabetisierungsrate von 98 % erreicht – ein Wert, der weit über dem globalen Durchschnitt von 86 % liegt. Wir verfügen über eine der am besten ausgebildeten Bevölkerungsgruppen weltweit; unser Wissen ist unser Widerstand. Wer uns als ‚unreif‘ oder ‚unfähig‘ darstellt, verleugnet nicht nur unsere Realität, sondern offenbart lediglich seine eigene intellektuelle Beschränktheit.

Winkler rühmt sich Israels „wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und künstlerischer Errungenschaften“ als Quelle seines Nimbus. Das ist klassisches Green‑ und Tech‑washing im Kontext der Besatzung. Während er diese „Errungenschaften“ feiert, tut er die „zahllosen antiisraelischen Resolutionen der UNO“ als bloße Voreingenommenheit oder Neid anderer weniger begünstigte Mitgliedstaaten. In Wirklichkeit sind diese Resolutionen eine Antwort auf dokumentierte Kriegsverbrechen, illegale Siedlungen und die Verweigerung des Rückkehrrechts – Tatsachen, die Winkler unter Geschwätz von „bewundernswertem“ Fortschritt begräbt.

Bis zum letzten Atemzug bleibt Winkler seinem gewohnten Stil treu und streut bis zum Schluss kontroverse und mitunter absurde Konzepte ein. Er vermischt das völkerrechtlich nicht existente Konzept des Existenzrechts mit Israels vorgeblicher Unschuld am Leid der Palästinenser und wertet beides als Erfolg der israelischen Expansionskriege.

Fazit: Ein geraubtes Judentum zurückerobern

Winkler führt Israels „Maßlosigkeit des Anspruchs“ – die sich in einer selbstzerstörerischen Version des Zionismus äußert – auf dessen angeblichen Erfolg zurück. Zu seiner Enttäuschung müsste er, falls er jemals Geschichtsbücher zur Hand nimmt, zugeben, dass Herzls Vision eines „rein jüdischen Staates“ von Anfang an die Norm war. Winkler irrt auch in der Annahme, der Zionismus habe sich von einer gutartigen zu einer bösartigen Form gewandelt. Der Zionismus war von Beginn an eine ethnonationalistische, rassistische, gewalttätige, expansionistische, siedlerkoloniale Ideologie. Die Palästinenser erkannten das vom ersten Tag an. Aber niemand im aufgeklärten Westen war bereit, auf die „Philister“ zu hören.

Der Zionismus hat das Judentum von einer Religion universeller Werte zu einem öden nationalistischen Dogma degradiert. Es liegt an der jüdischen Gemeinschaft selbst, diese Verzerrung zu korrigieren und ihre Spiritualität von dieser Ideologie zu befreien.

„From the river to the sea“ ist daher keine absurde Drohung. Es ist die einzig logisch konsistente, juristisch konforme und humane Variante, um einem jahrhundertelangen Leid endlich ein Ende zu setzen.

ein zutiefst enttäuschter Austro-Palästinenser