Hört auf, „Niemals wieder“ zu sagen, wenn ihr nicht bereit seid es zu leben.

Meine Urgroßeltern – Rosa und Josef Adler haben in Wien gelebt und mussten 1938 vor den Nazis fliehen, nachdem mein Urgroßvater von der Gestapo festgenommen worden war und mit einer Zahnbürste den Gehsteig putzen musste. Nach der Intervention eines Parteimitglieds wurde er wieder freigelassen. Meine Urgroßeltern verließen Wien und ließen Josefs alten Vater zurück. Wenig später nahm er sich das Leben.

Das konnte geschehen, weil nur wenige damals mutig genug waren und Widerstand gegen die Nazis geleistet haben. Damals mussten sie mit dem Tod rechnen. Die Menschen, die gefasst wurden, wurden von der Gestapo gefoltert und dann am Landesgericht erhängt. Ihre Leichen wurden in einem Massengrab am Zentralfriedhof verscharrt. Vor Kurzem war ich mit Ernst Wolrab, dessen Großvater Widerstandskämpfer war und im KZ Großrosen ermordet wurde, am Zentralfriedhof wo wir diesen Menschen in tiefer Dankbarkeit, Demut und Trauer gedacht haben. 

Heute braucht es nicht so viel Mut zum Widerstand und trotzdem ist dieser Platz nicht voll mit Menschen die gegen den Auftritt Israels beim ESC demonstrieren.

Deshalb richte ich meine Worte heute an jene, die noch nicht hier stehen und an unsere PolitikerInnen die vorgeben uns zu vertreten…

Leute, wacht auf! Versteckt euch nicht hinter euren Schuldgefühlen und schaltet euer Hirn ein. Ich hab eure Beteuerungen über die historische Verantwortung so satt, denn die Worte, die hier gebetsmühlenhaft wiederholt werden, sind inhaltslos. 

Ich war letztes Wochenende bei der Befreiungsfeier in Mauthausen und habe gehört:

„Währet den Anfängen“

„Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“

„Es lebe die internationale Solidarität“

Aber als wir mit einer Palästina Fahne an der Feier teilnehmen wollten habe ich gehört:

„das ist gegen die Platzordnung“ 

„das ist UNSERE Befreiungsfeier und nicht eure“

„ihr beleidigt die Opfer“

Geht’s noch? Ihr habt den Mauthausen Schwur während der Eröffnung der Feier vorgelesen…Zur Erinnerung:

„Wir die befreiten Häftlinge des KZ Mauthausen schwören vor der Welt und geloben im Gedenken der Millionen ermordeter Brüder und Schwestern:

Niemals wieder Faschismus!

Niemals wieder Krieg!

Was genau habt ihr da missverstanden. 

Die historische Verantwortung liegt im Niemals wieder das für ALLE Menschen gilt. 

stattdessen bieten wir Israel in Wien eine Bühne beim ESC damit dieser rassistische Apartheidsstaat sein Image aufpolieren kann nachdem es tausende palästinensische Kinder ermordet hat.

stattdessen stimmen wir GEGEN die Aussetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel und unterstützen damit die Wirtschaft Israels anstatt sie zu boykottieren.

stattdessen liefern wir Motoren für die Drohnen die in Gaza Kinder töten.

Und deshalb: Hört auf, „Niemals wieder“ zu sagen, wenn ihr nicht bereit seid es zu leben.

„Niemals wieder“ ist keine Floskel für Sonntagsreden, keine Kulisse für Kranzniederlegungen und keine moralische Dekoration für PolitikerInnen. Es ist ein Auftrag. Ein Auftrag, dort aufzustehen, wo Menschen entrechtet, entmenschlicht und ermordet werden.

Die Menschen, derer wir in Mauthausen gedenken, haben ihr Leben nicht dafür gegeben, damit wir 80 Jahre später schweigend zusehen, wie wieder Menschen bombardiert, ausgehungert und vernichtet werden. Sie starben für Menschlichkeit, für Solidarität und für eine Welt ohne Faschismus und Rassismus.

Und genau deshalb stehen wir heute hier.

Weil wir nicht zulassen werden, dass ihre Erinnerung missbraucht wird, um neues Unrecht zu rechtfertigen.

Und weil wir verstanden haben:
„Niemals wieder“ gilt entweder für alle Menschen – oder es bedeutet nichts.

Boycott Israel, free Palestine!