„Hier kommt die rassistischste Mannschaft Israels“ – dieser Slogan ist ein Sprechchor aus der eigenen Fankurve von Beitar Jerusalem. Er gehört seit Jahren zum Repertoire der Fans von Beitar Jerusalem. Ebenso Parolen wie „Tod den Arabern“, „Mögen eure Dörfer brennen“ und weitere rassistische Beschimpfungen gegen Araber, Muslime und den Propheten Muhammad, auf deren Wiedergabe ich hier bewusst verzichte.
Rassismus gehört zur Identität von Beitar Jerusalem. Der Verein wurde 1936 als Fußballklub der revisionistisch-zionistischen Betar-Bewegung von Wladimir (Ze’ev) Jabotinsky gegründet. Der Name „Beitar“ verweist bis heute auf jene politische Jugendbewegung, aus der später zentrale Teile der israelischen Rechten hervorgingen. Zu den prominenten Fans gehören Benjamin Netanyahu und Itamar Ben Gvir.
Zu Gast in Favoriten
Am 13. August 2026 wird dieser Verein in Wien gegen Austria Wien antreten. Das Rückspiel der dritten Qualifikationsrunde der UEFA Conference League findet in der Generali Arena in Favoriten statt. Damit bringt die UEFA einen Verein nach Favoriten, dessen Anhänger immer wieder durch brutale Übergriffe, insbesondere gegen arabisch gelesene Menschen, auffallen.
Erst 2025 griffen Dutzende Beitar-Anhänger in Jerusalem zwei arabische Busfahrer an. Sie schlugen und traten auf ihre Opfer ein und skandierten „Tod den Arabern“. Einer der Fahrer kam ins Krankenhaus und sagte später, er habe um sein Leben gefürchtet.
Wie explosiv internationale Auftritte des Vereins werden können, zeigte sich erst Ende Juli auf Zypern. Vor dem Conference-League-Spiel gegen AEK Larnaka kam es nahe dem Stadion zu schweren Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppen. Die Polizei setzte Rauchmittel ein; insgesamt wurden mehrere Anhänger beider Seiten festgenommen.
Rassistische Fans gibt es bei zahlreichen Vereinen. Beitar Jerusalem unterscheidet sich jedoch in einem entscheidenden Punkt: Der Hass richtet sich nicht nur gegen gegnerische Mannschaften oder einzelne Spieler. Er richtet sich grundsätzlich gegen Araber:innen und Muslim:innen – selbst dann, wenn sie für die eigene Mannschaft spielen.
„Beitar für immer rein“
Als Beitar 2013 zwei muslimische Spieler verpflichtete, revoltierte die Fanszene. Unter dem Banner „Beitar Forever Pure“ boykottierten Ultras ihre eigene Mannschaft, bedrohten die Spieler und verließen das Stadion, als einer von ihnen ein Tor schoss. Der Boykott der Ultra-Gruppe La Familia entwickelte eine enorme Wirkung: Während zu Beitar-Spielen sonst rund 25.000 Zuschauer kamen, blieben bis zum Ende der Saison große Teile der Fans fern. Teilweise verfolgten nur noch rund 200 Zuschauer die Heimspiele – ein eindrucksvoller Beleg für den Einfluss der Ultras auf den Verein und seine Anhängerschaft. Der Verein kapitulierte schließlich und versprach, künftig keine muslimischen Spieler mehr zu verpflichten.
Auch Jahre später zeigte sich, wie groß der Einfluss der Fans geblieben war. Mit dem geplanten Einstieg des emiratischen Unternehmers Sheikh Hamad bin Khalifa Al Nahyan als Miteigentümer Ende 2020 wollte das Management den Verein öffnen und ein Zeichen gegen den Rassismus setzen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Die Fans protestierten massiv, skandierten rassistische Parolen, griffen Vereinseinrichtungen an und setzten erneut Teile des Vereinsgeländes in Brand. Der Einstieg scheiterte schließlich. Die Botschaft der Fans war unmissverständlich: Nicht nur arabische oder muslimische Spieler, sondern auch ein arabischer Miteigentümer waren für sie inakzeptabel.
Vom Völkermord auf die Tribüne
Dass der Rassismus bei Beitar Jerusalem über Jahrzehnte wachsen konnte, lag nicht nur an den Ultras. Er wurde auch durch das Schweigen der politischen Führung ermöglicht. Selbst der frühere Beitar-Vorsitzende und spätere Staatspräsident Reuven Rivlin räumte ein, dass Politik und Vereinsführung den Rassismus jahrelang aus Angst vor den eigenen Anhängern tolerierten.
Die Ultra-Gruppe trat wiederholt auch als politische Straßenbewegung der israelischen Rechten in Erscheinung. Während der Massenproteste gegen Benjamin Netanjahu im Sommer 2020 mobilisierten Likud-nahe Aktivisten die Beitar-Ultras ausdrücklich als Gegendemonstranten. Mitglieder von La Familia griffen Protestierende an, jagten einen palästinensischen Autofahrer und attackierten einen Mann, weil sie dessen Rastafari-Flagge für eine palästinensische Flagge hielten. Die amerikanische Washington Postbeschreibt La Familia deshalb nicht nur als Ultra-Gruppe, sondern als organisierte Straßenbewegung, in der Fußball, Nationalismus und politische Gewalt ineinander übergehen. Die Gruppe agiert nicht nur im Stadion, sondern tritt wiederholt als organisierte Kraft des israelischen rechten und ultranationalistischen Milieus auf.
Der israelische Sportsoziologe Yair Galily kommt deshalb zu einem einfachen Schluss: Beitar ist kein Fanproblem. Der Verein spiegelt die Gesellschaft wider, aus der er hervorgegangen ist. Der palästinensische Menschenrechtsanwalt Amal Oraby formulierte es noch grundsätzlicher: Beitar werde vom Staat „umarmt“, während nationalistisches Denken in der israelischen Gesellschaft so normalisiert worden sei, dass viele darin nichts Anstößiges mehr sähen.
Antiarabischer Rassismus stößt in Israel nicht auf ein gesellschaftliches Klima, das ihn entschlossen ächtet. Er trifft auf eine politische Ordnung, in der die Entrechtung und Entmenschlichung von Palästinenser:innen seit Jahren weiter normalisiert werden.
Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich dieses Klima weiter radikalisiert. Während Israel in Gaza einen Völkermord begeht und Palästinenser:innen entmenschlicht werden, werden auch die antiarabischen Parolen in den Stadien lauter. Der Fußball ist Teil derselben gesellschaftlichen Entwicklung.
Strafe ja – Konsequenzen nein
Das erklärt, warum der israelische Fußballverband Israel Football Association (IFA) seit Jahren in der Kritik steht, nicht entschieden genug gegen den Rassismus in den israelischen Stadien vorzugehen. Diese Kritik blieb schließlich nicht ohne Folgen: Am 19. März 2026 wurde die IFA von der FIFA mit einer Geldstrafe in Höhe von 150.000 Schweizer Franken belegt. Zusätzlich musste der Verband einen verbindlichen Maßnahmenplan gegen Diskriminierung umsetzen und bei drei Heimspielen gut sichtbare Antidiskriminierungsbanner anbringen.
Bemerkenswert ist die Begründung der FIFA. Es ging nicht um einen einzelnen rassistischen Zwischenfall. Die Disziplinarkommission kam vielmehr zum Schluss, dass die IFA über Jahre hinweg nicht ausreichend gegen anhaltendes und gut dokumentiertes rassistisches Verhalten vorgegangen sei. Als besonders gravierendes Beispiel nannte sie den Umgang mit Beitar Jerusalem. Die gegen den Verein verhängten Maßnahmen seien unzureichend gewesen und hätten das Problem nicht wirksam bekämpft. Beitar war dabei jedoch nur das sichtbarste Symptom eines umfassenderen Versagens des Verbandes.
Der Fall gilt als außergewöhnlich, weil die FIFA nationale Verbände in der Regel wegen konkreter Vorfälle bei einzelnen Spielen sanktioniert. Hier rügte sie dagegen ein strukturelles und jahrelanges Versagendes Verbandes bei der Bekämpfung von Rassismus.
Für das Spiel in Wien ist allerdings nicht die FIFA, sondern die UEFA verantwortlich. Israel ist Mitglied des europäischen Fußballverbandes, und die Conference League ist ein UEFA-Wettbewerb.
Kaum ein Thema inszenieren FIFA und UEFA so offensiv wie den Kampf gegen Rassismus. „No to Racism“ und „No Discrimination“ gehören seit Jahren zur Pflichtinszenierung vor internationalen Spielen. Antirassismus ist nicht nur Teil ihrer Imagekampagnen, sondern auch ihrer Statuten. Die Verbände können Geldstrafen, Geisterspiele, Punktabzüge und im äußersten Fall sogar den Ausschluss eines Vereins aus einem Wettbewerb verhängen. Weder die FIFA noch die UEFA haben diese schärfste Sanktion aufgrund von Rassismus je angewendet.
Bei der UEFA und der FIFA fehlt es nicht an Regeln, sondern am Willen, sie bis zur letzten Konsequenz anzuwenden.
Beitar Jerusalem wurde von der UEFA bereits wegen konkreter Vorfälle bestraft. Doch am grundsätzlichen Problem änderte das nichts. Der Verein tritt weiter im Europacup an, während seine Ultras ihren Rassismus zum Teil der eigenen Identität erklären und die FIFA dem zuständigen nationalen Verband bescheinigt, nicht ausreichend dagegen eingeschritten zu sein.
Der israelische Verband bekämpft den Rassismus rund um Beitar nicht konsequent, weil dieser Rassismus politisch und gesellschaftlich keineswegs isoliert ist. Was im Stadion gerufen wird, unterscheidet sich in seiner Sprache, aber immer weniger in seinem Inhalt von den Botschaften, die aus Regierung, Parlament, Militär und Medien kommen.
Am 13. August steht daher nicht nur ein Fußballspiel auf dem Programm.
Mit Beitar Jerusalem kommt ein Verein nach Favoriten, dessen führende Fangruppe ihre rassistische Identität offen besingt; ein Verein, bei dem Fans gegen die eigenen muslimischen Spieler rebellierten; ein Verein, dessen nationaler Verband von der FIFA wegen unzureichender Bekämpfung des Rassismus sanktioniert wurde.
Damit lautet die entscheidende Frage:
Wie viel Rassismus muss ein Verein verkörpern, wie viele Jahre muss er dokumentiert sein und wie vollständig muss ein nationaler Verband versagen, bevor aus „No to Racism“ mehr wird als ein Werbespruch?
Am 13. August wird die Frage nicht nur im Stadion gestellt, sondern auch auf den Straßen von Favoriten. Nach den Ausschreitungen rund um Beitar-Spiele in Israel und zuletzt auf Zypern ist zu hoffen, dass die Wiener Stadtregierung und die Polizei die Bevölkerung wirksam schützen können.Der eigentliche Skandal ist aber, dass sich die Menschen in Favoriten auf ein Sicherheitskonzept der Polizei verlassen müssen, weil FIFA und UEFA einen Verein mit einer seit Jahrzehnten dokumentierten Geschichte von Rassismus und Gewalt auf Europas Fußballbühnen spielen lassen.
