Sehr geehrter Herr Minister für Sport Andreas Babler!

In Wien hat rund 36,4 % der Bevölkerung eine ausländische Staatsbürgerschaft, während etwa 46,3 % einen Migrationshintergrund haben. Ich bin einer von ihnen. Unsere Stadt war bisher, anders als etwa Rotterdam oder manche afrikanische Hauptstädte, kein Hort für rassistische bzw. gewaltsame interethnische Kämpfe. Man glaubt, sich in einer relativ inklusiven Stadt zu befinden.

Es ist ein Leichtes, mit den passenden Provokationen und mit offenen oder schleichenden Angriffen – diesmal von oben; nicht durch Amokläufer – diese Lage schlagartig zu ändern. Mit der carte blanche an die berühmte, „rassistischste Fußballmannschaft“ (Eigenbezeichnung der Fans) des ganzen Globus, Beitar Jerusalem, am 13.8. im Generali-Stadion, soll wohl eine Wende bewirkt werden?

Eine adäquate und politisch gebildete Führung heißt, kein Freispiel für Rechtsextremismus, Rassismus, Faschismus und Menschenfeindlichkeit zuzulassen, kein Platz für pauschale Anfeindungen und Rassismus gegen Diversität und Einwanderer aus dem Nahen Osten von Armeniern bis zu den Omanern, vor allem in der Konjunktur genozidaler Ereignisse rund um die Welt. Gebildete Menschen und Politiker wissen es eh, Fußball ist nicht nur ein Sport, sondern vielmehr leider in unserer immer degradierteren politischen Konstellation ein unentbehrliches Übel: ein Ventil… Schaue man nur auf die britischen Hooligans; Berlusconi docet.

„Rund 56,2 % der Bewohner in Favoriten haben eine ausländische Herkunft bzw. einen Migrationshintergrund“ (Quelle: Stadtwien), bitte schauen Sie sich noch an, aber das ist Ihnen bestimmt gut präsent, welcher der Anteil an der jeweiligen exakten religiösen Zugehörigkeit ihrer Wiener Mitbürger ist.

Auch Im Gegensatz zu Italien, erlebte Österreich lange eine gute Politik des interkonfessionellen Dialogs, wie nicht alleine die Arbeit meines Ursprungsinstituts, (Zur Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes) mehrfach nachwies. Sind diese Zeiten auch für immer vorbei, genau wie die Monarchie? Im inklusiven Favoriten, insbesondere, leben auch nicht nur etwa Türken, sondern auch viele Westeuropäer, die sich wünschen, weiterhin in einem menschenfreundlichen Umfeld zu leben.

Jede Behörde hat nicht nur ihre Funktion beim Abstempeln von Urkunden und Anträgen erfüllt und kann nicht (immer) nur aus dem ‚Auge des Prozeduralen‘ Sehkraft besitzen. Das unterscheidet das moderne Mitteleuropa, das Sie und ich sich wünschten, von manchen Übersee-Staaten. Wir haben jahrtausendealte Übung darin. Ich erwähne nur eine Episode aus ebensolcher Welthälfte. Nachdem die regelhaft von Beitar eingestellten Fußballspieler Zaur Sadayev und Dzhabrail Kadiyev aus Tschetschenien in Jerusalem und landesweit angefeindet worden waren, ereignete sich in Boston durch zwei andere Tschetschenen ein blutiger Anschlag, der von manchem Analytiker als diffuse Reaktion auf den internationalen antitschetschenischen Druck angesehen wird. Wohl haben wir in Wien noch nicht erreicht, wie in den USA, dass jeder Staatbürger ein potenzieller Serienmörder ist; aber wir können. Dahingestellt, ob solche Analysen gut recherchiert sind oder nicht, bleibt es dabei: Wien hätte, weit länger als Jerusalem, die Bezeichnung „City of Peace“ verdient (und Jerusalem hat einiges darum zu kämpfen). Ich wünsche, dass es dabei bleibt und keine „Blood City“ auf uns in den nächsten Jahren wartet. Wir können immer, wie das Krokodil, zu spät weinen, bleibt es dem Tier anheimgestellt. Für irgendwas wird seine schwere Verdauung gut sein, oder für irgendjemand, Hauptsache Letzterer all die Trümmer nur beseitigen mag…

Siehe auch (bereits 2008 geschrieben, aus einem Medium dessen Geschichte damals mit keinem Geringeren als Jacques Chirac verbunden war)

https://www.france24.com/fr/20080501-fans-beitar-’autre-visage-societe-israelienne-israel-territoires-palestiniens

Aktuell – 2026 – ist die Lage um Beitar und in Israel um ein Mehrfaches übler geworden. Ich spare Ihnen die Artikel darüber aus der dortigen Landespresse und weltweit, weil Sie sich ordnungsgemäß bereits informierten.

Bitte, sagen Sie das Spiel vom 13. ab.

Univ. Doz. Dr. Dr. Phil. habil. Arch. Paolo Sanvito