Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Mitmenschen,
liebe Friedensbewegung!

Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Frieden ist eine Verantwortung. Und Frieden braucht Menschen, die bereit sind, sich für ihn einzusetzen!

Gerade in einer Zeit, in der Kriege, Gewalt und politische Spannungen unsere Welt prägen, müssen wir uns eine entscheidende Frage stellen:

Welche Rolle soll Österreich in dieser Welt einnehmen?

Wollen wir ein Land sein, das sich von der zunehmenden militärischen Aufrüstung und den politischen Machtkämpfen mitreißen lässt?

Oder wollen wir ein Land sein, das seine historische Verantwortung ernst nimmt und sich aktiv für Frieden, Diplomatie und Menschlichkeit einsetzt?

Österreich hat sich 1955 zur immerwährenden Neutralität verpflichtet.

Eine Entscheidung, die unsere Geschichte geprägt hat und bis heute ein wesentlicher Bestandteil unserer österreichischen Identität ist.

Doch Neutralität darf nicht nur ein Wort in unserer Verfassung sein. Sie muss eine Haltung sein, die wir leben!

Denn unsere Neutralität ist viel mehr als ein Gesetz aus dem Jahr 1955.

Sie ist ein historisches Erbe. Sie ist eine Verantwortung. Und sie ist vor allem ein Auftrag an uns alle!

Doch ich habe das Gefühl, dass wir heute immer öfter erklären müssen, was Neutralität eigentlich bedeutet.

Denn in den politischen Debatten unserer Zeit wird Neutralität zunehmend so dargestellt, als wäre sie ein Hindernis.

Als wäre sie veraltet.
Als wäre sie Schwäche.
Als würde sie bedeuten, dass wir uns aus allem heraushalten müssen.

Und wenn es umgekehrt darum geht, den israelischen Völkermord an den Palästinensern zu unterstützen, dann ist die Neutralität kein Hindernis mehr.

Aber ich frage euch:

Seit wann ist es eine Schwäche, sich für Frieden einzusetzen?

Seit wann ist es naiv, auf Diplomatie statt auf Eskalation zu setzen?

Und seit wann bedeutet Neutralität, dass wir schweigen müssen, wenn Menschen leiden?

Neutralität bedeutet nicht Stillstand!

Neutralität bedeutet nicht, dass wir wegschauen, wenn Unrecht geschieht.

Neutralität bedeutet nicht, dass wir keine Haltung haben dürfen.

Und Neutralität bedeutet schon gar nicht, dass uns das Leid anderer Menschen egal sein kann!

Im Gegenteil!

Eine Neutralität, die nicht aktiv gelebt wird, verliert ihren friedenspolitischen Sinn.

Denn was bringt uns eine Neutralität auf dem Papier, wenn wir sie nicht mit Leben füllen?

Was bringt uns eine Neutralität, wenn wir nicht vermitteln, wenn wir nicht Brücken bauen, wenn wir nicht für Menschenrechte und das Völkerrecht eintreten?

Österreich hat die Möglichkeit, ein Ort des Dialogs zu sein.

Ein Land, das Gesprächsräume öffnet, statt sie zu schließen.

Ein Land, das sich für humanitäre Hilfe, internationale Zusammenarbeit und friedliche Konfliktlösungen einsetzt.

Und genau diese Rolle sollten wir ernst nehmen!

Liebe Freundinnen und Freunde!

Ich möchte heute aber auch darüber sprechen, warum mir dieses Thema persönlich so wichtig ist.

Warum ich als österreichische Muslima mit Kopftuch über die Neutralität unseres Landes spreche.

Weil ich Teil dieses Landes bin!

Weil Österreich auch meine Heimat ist!

Weil die Zukunft Österreichs  auch meine Zukunft ist!

Und weil ich nicht akzeptieren möchte, dass Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft oder ihres Aussehens das Gefühl vermittelt bekommen, sie müssten ihre Zugehörigkeit zu Österreich erst beweisen.

Ich muss mich nicht zwischen meinem Glauben und meiner Verantwortung für dieses Land entscheiden!

Mein Kopftuch steht nicht im Widerspruch zu meinem Einsatz für Frieden, Demokratie und die österreichische Neutralität.

Und meine Stimme als Muslima ist keine fremde Stimme in dieser Gesellschaft.

Sie ist eine österreichische Stimme!

Eine Stimme, die sich um die Zukunft unseres Landes sorgt.

Eine Stimme, die möchte, dass unsere Kinder in Frieden aufwachsen.

Eine Stimme, die daran erinnert, dass Österreichs Stärke auch darin liegen kann, unterschiedliche Menschen und Perspektiven zusammenzubringen.

Gerade als Lehrerin denke ich dabei an die nächste Generation.

Was vermitteln wir unseren Kindern?

Dass Konflikte nur durch militärische Stärke gelöst werden können?

Dass Frieden ein unrealistischer Traum ist?

Oder zeigen wir ihnen, dass es Mut braucht, miteinander zu reden, einander zuzuhören und selbst in schwierigen Zeiten nach friedlichen Lösungen zu suchen?

Frieden beginnt nicht erst am Verhandlungstisch. Frieden beginnt in unserer Haltung gegenüber anderen Menschen.

Und deshalb dürfen wir Neutralität auch nicht mit moralischer Gleichgültigkeit verwechseln.

Wenn Menschen in Gaza getötet, vertrieben und ausgehungert werden, wenn Kinder unter Krieg und Gewalt leiden, dann darf unsere Neutralität kein Vorwand für Schweigen sein.

Wenn in der Ukraine das Völkerrecht verletzt wird, müssen wir ebenso klar für die Rechte der betroffenen Menschen eintreten.

Denn Neutralität bedeutet nicht, zwischen Recht und Unrecht neutral sein zu müssen.

Wir können militärisch neutral sein und gleichzeitig eine klare Haltung für Menschenrechte, Menschenwürde und das Völkerrecht einnehmen!

Und genau das ist für mich aktive Friedenspolitik.

Liebe Freundinnen und Freunde!

Unsere Neutralität darf nicht zu einer leeren Floskel werden, die wir nur dann hervorholen, wenn sie politisch gerade bequem ist.

Sie muss gelebt werden.

Durch Diplomatie.
Durch humanitäre Hilfe.
Durch internationale Solidarität.
Und durch den Mut, Frieden auch dann einzufordern, wenn die Welt immer stärker auf Konfrontation setzt.

Ich spreche heute als Frau mit Kopftuch, mit meiner österreichischen Identität und mit meiner Überzeugung, dass Frieden keine Frage der Religion, der Herkunft oder des Aussehens ist.

Frieden ist eine gemeinsame Verantwortung!

Und deshalb möchte ich mit einem Gedanken schließen:

Neutralität bedeutet, Haltung zu zeigen.

Neutralität bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.

Neutralität bedeutet, Brücken zu bauen, wo andere Mauern errichten.

Neutralität bedeutet, für Menschenrechte einzustehen, auch wenn es unbequem wird.

Neutralität bedeutet, sich aktiv für Frieden einzusetzen!

Denn wir stehen auf der Seite des Friedens.

Wir stehen auf der Seite der Menschlichkeit.

Wir stehen auf der Seite des Völkerrechts.

Und wir stehen für ein Österreich, das seine Neutralität nicht nur auf dem Papier bewahrt, sondern sie jeden Tag aufs Neue mit Leben füllt!

Denn Neutralität ist Haltung.

Neutralität ist Menschlichkeit.

Neutralität ist gelebte Solidarität.

Neutralität ist aktive Friedenspolitik!

Und genau dafür braucht es uns alle.

Denn Frieden beginnt dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen!

Vielen Dank!