Der kürzlich in „Die Presse“ erschienene Artikel, der Boykottaufrufe als pauschale „antisemitische Reaktion“ auf das „größte Massaker an jüdischen Menschen seit dem Holocaust“ anprangert, ist ein Paradebeispiel für die Instrumentalisierung des „heiligen Traumas“, um die öffentliche Debatte zu disziplinieren und pro-palästinensische Stimmen zum Schweigen zu bringen.
Die ad nauseam durchgekaute, unbegründete Anschuldigungen der Vergewaltigung, Brandstiftung, Folter, Enthauptung von Babys und bestialischer Schlachtung von Menschen sowie die Rahmung des 7. Oktober als isoliertes, singuläres Ereignis („größtes Massaker“), dient dazu, eine „Hierarchie des Leidens“ zu errichten, die die 78-jährige Geschichte der Unterdrückung, die Nakba und die andauernde Apartheid bewusst ausblendet.
Der Artikel verwendet einen denunzianten, sarkastischen und abwertenden Ton, um linke Studenten und Musiker im Allgemeinen zu diskreditieren und so die Tatsache zu verschleiern, dass, anstatt der internationalen Rechtsgrundlage für einen Boykott nüchtern zu prüfen, die Kritik als „versteckter Hass“ pathologisiert wird.
Darüber hinaus ist die Behauptung, Antisemitismus und antiisraelische Ressentiments würden in überwiegend linksgerichteten Studentenkreisen oft als postkolonialer Diskurs getarnt, eine Zumutung, die zwei Ziele verfolgt: ein heimtückisches und ein absurdes. Erstens setzt sie Antisemitismus (Hass auf Juden als Gruppe) mit „Israel-Ablehnung“ (Kritik an der Politik eines Staates) gleich. Zweitens dient sie dazu, ein notwendiges akademisches Feld zu delegitimieren, das die Kontinuitäten von Rassismus, Kolonialismus und Völkermord zu verstehen sucht.
Während physische Angriffe und echte Gewaltandrohungen aufs Schärfste zu verurteilen sind, zeigt eine genauere Analyse, dass der Großteil der als “Hasspostings” gekennzeichneten Inhalte lediglich kritisch über Israel sprechen. Dass dies von pro-israelischen Lobbyisten als moralischer “Schutzschild gegen Kritik“ missbraucht wird, ist ebenso verwerflich.
Erneut wird ein bewusst herabwürdigender, sarkastischer und abwertender Tonfall verwendet (z. B. durch die ironische Verwendung von „m/w/*“ oder Ausdrücken wie „wehklagen“), um Proteste als emotional motivierte Ignoranz zu diskreditieren, anstatt sich mit den Argumenten der Kampagne im Kontext des Völkerrechts auseinanderzusetzen.
Die Gegenüberstellung des „israelischen Kampfes um Selbstverteidigung“ mit dem „russischen Angriffskrieg“ suggeriert eine moralische Einzigartigkeit. Darüber hinaus instrumentalisiert diese Rhetorik die„Einzigartigkeit des Leidens“, um eine „Hierarchie des Leidens“ zu etablieren, die die 78-jährige Geschichte der Unterdrückung, die Nakba und den andauernden Völkermord konsequent ignoriert.
Wer von „Selbstverteidigung“ spricht, ignoriert zudem die völkerrechtliche Realität jahrzehntelanger „Militärbesatzung“, und die „faktische Annexion“ palästinensischer Gebiete.
In diesem Kontext benötigen nicht die Aktivist*innen Aufklärung, sondern vielmehr die selbsternannten „Hüter der Medienlandschaft“. Sie müssen anerkennen, dass Organisationen wie Amnesty International und UN-Experten systematische Verstöße gegen das Völkerrecht (Apartheid, Besatzung und Völkermord) dokumentieren.
Die „No Music For Genocide“-Kampagne basiert nicht auf Unwissenheit, sondern auf einer menschenrechtlichen Agenda, die den Schutz völkerrechtlicher Normen fordert. Dass der Artikel diese Forderung als „Hass“ umdeutet, ist ein Instrument des „autoritären Anti-Antisemitismus“, um legitimen Protest zu kriminalisieren.
Ohne den denunziatorischen Ton zu ändern, wird weiter nicht nur die ernsthafte politische Forderung wie „Freiheit für Palästina“ als „Agitation und Propaganda“ herabgestuft, sondern auch als pathologische Störung gebrandmarkt. Sich Sorgen darum zu machen, dass die Demonstration den Besuchern die „Feierlaune gründlich versauen“ könnte, offenbart eine tiefgreifende „moralische Hybris“. Hier wird die „Feierlaune“ von Touristen über die völkerrechtliche Realität von 78 Jahren Dispossession, Apartheid und Genozid gestellt.
Die Rahmung der Proteste als bloße Stimmungskiller stellt wiederum eine „Hierarchie des Leidens“ dar, in der die Aufrechterhaltung einer staatlich verordneten Festlichkeit wichtiger ist als die Sichtbarmachung systematischer Menschenrechtsverletzungen.
Der Verweis auf Helen Mirren und Tausende von Hollywoodstars dient hier als eine Art „öffentlicher Exorzismus“ gegen abweichende Meinungen. Die moralische Empörung prominenter Persönlichkeiten ändert nichts an den völkerrechtlichen Tatsachen. Der Artikel nutzt diese Namen, um eine Art „Inquisition“ gegen diejenigen durchzuführen, die politische Konsequenzen fordern. Prominenz mit Expertise im Völkerrecht gleichzusetzen, ist eine absurde Taktik.
Den Boykott lediglich als „Reaktion auf ein Massaker“ darzustellen, ist eine bewusste Vereinfachung und ignoriert die Tatsache, dass er in Wirklichkeit eine Reaktion auf jahrzehntelange „Militärbesatzung“ und die systematische Missachtung von UN-Resolutionen ist.
Darüber hinaus drückt der offene Brief der Stars „Enttäuschung und Schock“ aus, was rein emotional appelliert. Politische Entscheidungen über die Teilnahme an internationalen Wettbewerben sollten nicht auf der „Feierlaune“ oder dem „Schock“ von Persönlichkeiten aus der Unterhaltungsbranche basieren, sondern auf der Einhaltung universeller Menschenrechte. Die BDS-Bewegung verfolgt eine Menschenrechtsagenda, die darauf abzielt, die Straflosigkeit für die faktische Annexion palästinensischer Gebiete zu beenden.
Während Hollywoodstars ihre Meinung in Petitionen äußern, haben Musiker, die zum Boykott aufrufen, dasselbe Recht.
Was jedoch im Artikel heimtückisch verschwiegen wird, ist, dass nicht nur Künstler zum Boykott aufrufen, sondern auch fünf europäische Staaten (Spanien, Irland, Slowenien, die Niederlande und Island) ihre Teilnahme am Eurovision Song Contest abgesagt haben.
Es sei da völlig angebracht zu erwähnen, dass die Drohung österreichischer Politiker, den Eurovision Song Contest nicht auszurichten, falls Israel boykottiert wird, ein Akt der „politischen Erpressung“ ist. Hier wird ein Kulturereignis instrumentalisiert, um Loyalität gegenüber einem Staat zu erzwingen, der laut UN-Experten und Organisationen wie Amnesty International systematisch gegen internationales Recht verstößt (Apartheid, Besatzung und Völkermord).
Dass Antisemitismus in Österreich kein Relikt der Vergangenheit ist, dürfte wohl jedem bekannt sein. Dies belegen nicht nur die Statistiken der Jüdischen Gemeinde Wien (IKG), doch problematisch an diesen Statistiken ist ihre vorgetäuschte Unschuld und scheinheilige Objektivität. Denn bloße Zahlen erzählen weder die Geschichte noch die dahinterliegenden Zusammenhänge.
Eine genauere Analyse der IKG-Daten für 2025 zeigt, dass die Mehrheit dieser Vorfälle – 77,4 % – als „Israel-bezogener Antisemitismus“ eingestuft wurde. Dies setzt fälschlicherweise Antizionismus bzw. Antiisraelismus (Kritik an der Politik eines Staates) mit Antisemitismus (Hass gegen Juden als Gruppe) gleich. Warum ist das so? Diese Zahlen basieren ausschließlich auf der umstrittenen Definition der „IHRA“des Antisemitismus, die Kritik an der israelischen Apartheid oder Besatzung als „Hassrede“ einstuft.
Darüber hinaus dient die detaillierte Aufschlüsselung nach Milieu (insbesondere „muslimisch“ mit 24,5 % und „links“ mit 28,3 %) einem spezifischen politischen Zweck.
Die Betonung des „muslimischen Milieus“ soll uns weißmachen, dass es sich um „importierten Antisemitismus“ handelt. Dies erlaubt es bestimmten politischen Akteuren, Antisemitismus, als ein von außen, durch Migration „eingeschlepptes“ Phänomen darzustellen, was wiederum zur Legitimierung einwanderungsfeindlicher Politik genutzt wird. Obwohl Antisemitismus statistisch gesehen primär ein Phänomen der politischen Rechten ist, spielt eine solche Betonung dem rechtspopulistischen Diskurs in die Hände.
Statistiken, einschließlich Schilderungen abscheulicher Einzelfälle mit Schwerpunkt auf nationalsozialistischer „Wortkreation“, werden sowohl dazu benutzt, bestimmte Minderheiten auszusondern, als auch als moralischer Schutzschild, um jegliche abweichende Meinung im Keim zu ersticken.
Der am Ende unternommene Versuch, den Aufruf des Bundespräsidenten vom April 2017 zu instrumentalisieren, ist ein Trugschluss, der die „Opfermentalität“ vortäuscht. Die vom Staat unternommenen Anstrengungen zum Schutz jüdischen Lebens widersprechen dieser Vortäuschung und im Verhältnis zu anderen Minderheiten sind sie bei weitem unvergleichbar.
Zum Schluss sei auf folgende Punkte eingegangen, die die Debatte nicht beenden sondern die Prämissen der Anti-Palästinensischen Diskurs weiter anfechten:
- Für die selbsternannten „Hüter der Medienlandschaft“ fungiert der Holocaust als moralisches Fundament der Staatslegitimität Israels. Jede politische Aktion wie ein Boykott, die diese Ordnung herausfordert, wird daher nicht als politische Kritik an einem Staat, sondern als „Häresie“ – als Abfall vom rechten Glauben – gebrandmarkt. Sie ist nur der „Inquisition“würdig.
- Der statistische Anstieg antisemitischer Vorfälle wird genutzt, um pro-palästinensische Solidarität zu verurteilen und deren Proteste automatisch als illegitim abzutun. Dass Boykottaufrufe und politische Kritik an Israel laut Europäischem Gerichtshof für Menschenrechte legitime Mittel der Meinungsfreiheit darstellen, wird dabei ignoriert.
- Die moralische Empörung über die zunehmende Zahl antisemitischer Vorfälle wird dazu benutzt, politische Forderungen nach Menschenrechten und der Einhaltung des Völkerrechts als pathologische „Angriffe“ umzudeuten und einen bedingungslosen Philosemitismus auf Kosten der palästinensischen Rechte zu erzwingen.
- Proteste sarkastisch als „absurd“ abzutun, zeugen von moralischem Bankrott. Absurd ist vielmehr ein politisches System, das von Künstlern und Bürgern bedingungslose Loyalität gegenüber einem Staat fordert, der laut UN-Experten seit seiner Gründung universelle Normen verletzt. Absurd ist ein politisches System, das „politische Erpressung“ einsetzt, um Kultur als Instrument der moralischen Selbstrechtfertigung zu missbrauchen.
- Die Praxis des „autoritären Anti-Antisemitismus“, bei der Antizionismus oder Israelkritik mit Antisemitismus gleichgesetzt werden, um die BDS-Bewegung als „Hass“ zu diffamieren, ignoriert die rechtlichen Grundlagen, auf denen die BDS-Bewegung basiert. Ein Boykott ist ein legitimes Mittel der freien Meinungsäußerung, BDS verfolgt eine auf internationalem Recht basierende Menschenrechtsagenda. Sie wendet sich gegen „Militärbesatzung“, „faktische Annexion“ palästinensischer Gebiete und die systematische Verletzung von UN-Resolutionen.
- Antisemitismus als „importiertes Phänomen“ auf Migranten zu projizieren, dient lediglich dazu, von der eigenen Verantwortung abzulenken und gleichzeitig einwanderungsfeindliche Politiken zu legitimieren.
Schließlich ist noch zu erwähnen, dass die in Wien eingeleitete rechtliche Schritte gegen Aktivist*innen zeigen, wie die Stadtverwaltung versucht, den öffentlichen Raum zu „verengen“. Denn laut dem Amnesty International Bericht 2026 hat dieser institutionelle Druck einen massiven „Chilling Effect“ auf die Zivilgesellschaft. Organisationen fürchten den Entzug von Fördergeldern, wenn sie die Apartheid beim Namen nennen.
Wahre historische Gerechtigkeit erfordert ein „inklusives Denken“, das alle Opfer respektiert – auch jene der kolonialen Projekte, die bisher ausgeblendet wurden.
Ein Boykott als Antwort auf Apartheid, Besatzung und Genozid ist keine Absurdität, schon gar nicht Antisemitismus, sondern eine völkerrechtlich und moralisch begründete Notwendigkeit. Wir fordern eine Zukunft, die auf Solidarität und gleichen Rechten für alle Menschen zwischen dem Fluss und dem Meer basiert, statt auf der Bewachung fiktiver Narrativen durch „Hüter der Medienlandschaft“.
ein zutiefst enttäuschten Austro-Palästinenser
