von Awad Abdel Fattah

„Die Erinnerung an die Nakba, wird nicht nur zur Erinnerung an die Vergangenheit, sondern zu einem Werkzeug, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu antizipieren. Sie ist eine ständige Mahnung, dass das, was auf Ungerechtigkeit aufgebaut ist, nicht stabil sein kann und dass Völker, egal wie lange es dauert, in der Lage sind, die Geschichte neu zu schreiben.“

In seinem Buch „Niederlage und die besiegte Ideologie“ (1976), das ich in meiner frühen Jugend mit Vergnügen lesen durfte, argumentiert der verstorbene syrische Denker Yassin al-Hafiz, dass Palästina nicht mit einem Schlag gefallen sei, sondern seit den 1920er Jahren „Stein für Stein“ gefallen sei, also seit dem Moment, als die zionistische Bewegung den Aufbau der Institutionen ihres künftigen Staates praktisch abgeschlossen hatte.

Diese Aussage war nicht bloß eine historische Beschreibung, sondern vielmehr der Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Analyse der Niederlage, die dysfunktionale interne Strukturen mit externen Interventionen in einem komplexen dialektischen Verhältnis verknüpfte. Das Buch galt damals als eines der bedeutendsten Werke zur Analyse der Ursachen wiederholter arabischer Niederlagen, insbesondere jener von 1948 und 1967, und zeichnete sich durch seine Kritik an der vorherrschenden Ideologie aus. Darüber hinaus kritisiert und dekonstruiert der Autor, ein marxistischer Linker, der aus der Kommunistischen Partei Syriens ausgetreten war und sich von der klassischen sowjetischen Schule gelöst hatte, den traditionellen linksnationalistischen Diskurs wegen dessen Fixierung auf abstrakte Parolen, ohne die materielle Realität und die arabische Kultur- und Sozialstruktur zu verstehen. Diese habe, so argumentiert er, die Etablierung eines anderen Sozialismus verhindert.

Diese Lektüre fiel zeitlich mit anderen frühen intellektuellen Werken zusammen, etwa mit Constantine Zurayks „Die Bedeutung der Katastrophe“, und mit dem Erbe der arabischen Renaissance seit dem 19. Jahrhundert, als Renaissance-Denker wie Rifa’a al-Tahtawi, Abd al-Rahman al-Kawakibi, Butrus al-Bustani, Muhammad Abduh und andere bis hin zu Malik Bennabi begannen, die grundlegende Frage zu stellen: Warum sind wir zurückgefallen, während andere Fortschritte machten? In dieser Literatur war der Kolonialismus nicht bloß eine eindringende äußere Macht, sondern auch das Ergebnis einer inneren Anfälligkeit, die durch die Strukturen des Despotismus und der Rückständigkeit sowie den Zerfall des sozialen und politischen Bereichs entstanden war.

Die arabischen Renaissancebestrebungen waren somit von einem doppelten Bewusstsein geprägt: der Notwendigkeit innerer Reformen und der Herausforderung der äußeren Hegemonie. Trotz ihres intellektuellen Reichtums scheiterten diese Bestrebungen jedoch daran, sich in ein kohärentes historisches Projekt zu verwandeln, das angesichts des Aufstiegs des westlichen Kolonialismus und des Zerfalls des Osmanischen Reiches einen modernen Staat und eine geeinte politische Gesellschaft hätte hervorbringen können. Folglich führten innere strukturelle Schwächen in Verbindung mit der militärischen, wissenschaftlichen und organisatorischen Überlegenheit des Westens zu einer großen Katastrophe: der Fragmentierung der Region und der Etablierung des zionistischen Siedlerkolonialismus in ihrem Zentrum.

Die Nakba war in diesem Sinne nicht bloß eine Niederlage der Palästinenser, sondern eine umfassende historische Niederlage für Araber und Muslime in einer Zeit des Umbruchs und der Entstehung einer neuen Weltordnung. Trotz des Aufstiegs nationalistischer und linker Bewegungen und der Versuche, unabhängige Staaten aufzubauen, gelang es den herrschenden Eliten – oft Militäreliten, die sich zwar leidenschaftlich für die Befreiung einsetzten, aber unerfahren waren – nicht, die politische Unabhängigkeit in ein umfassendes Befreiungsprojekt umzuwandeln. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Niedergang des nationalistischen Projekts erstarkte die religiöse Strömung und füllte die entstandene Lücke mit bemerkenswerten Formen des Widerstands, der Opferbereitschaft und der Organisation. Doch auch sie scheiterte daran, ein inklusives demokratisches Modell zu entwickeln, das religiös und konfessionell vielfältige Gesellschaften hätte ansprechen und sie um ein modernes Befreiungsprojekt vereinen können.

Viele sind sich jedoch einig, dass dieses Modell – der islamische Widerstand – die Gewissheit und das internationale Prestige des zionistisch-westlichen Kolonialbündnisses erschüttert hat. Aus diesem Grund erlebt die arabische Welt seit über drei Jahrzehnten einen Aufschwung intellektueller Aktivitäten und Forschungszentren, als Reaktion auf verheerende Rückschläge und Misserfolge – ein weiterer Versuch, einen anderen historischen Weg der Wiedergeburt und Befreiung einzuschlagen.

Im Gegensatz dazu erzielte die zionistische Bewegung ihre größten Erfolge nicht nur durch militärische Gewalt, sondern auch durch eine robuste institutionelle Entwicklung, eine kohärente Sozialstruktur und ein erfolgreiches ideologisches Narrativ, dass Israel als „die einzige Demokratie im Nahen Osten“, „eine Oase der Moderne und des Fortschritts“ und „die moralischste Armee der Welt“ darstellte. Dieses vom Westen unterstützte Narrativ spielte trotz seines siedlerkolonialen Charakters eine zentrale Rolle bei der Legitimierung des zionistischen Projekts.

Obwohl Israel militärische Rückschläge erlitten hat, sei es durch arabische Armeen oder Widerstandsbewegungen, ist es strategisch nicht besiegt worden. Die historische Ironie liegt jedoch darin, dass dieser Staat, der sich auf dem Höhepunkt seiner militärischen und technologischen Macht zu befinden scheint, gleichzeitig eine tiefgreifende moralische und existenzielle Krise durchlebt, die seinen brutalen, vernichtenden Charakter offenbart.

Dies liegt nicht nur am anhaltenden palästinensischen Widerstand und der legendären Standhaftigkeit des palästinensischen Volkes, noch an den regionalen Ungleichgewichten, sondern vielmehr am Wesen des zionistischen Projekts selbst. Dieses Projekt basiert fundamental auf rassistischer Überlegenheit und Ausgrenzung und ist strukturell das Gegenteil von Koexistenz und Gleichheit. Daher ist es unfähig, historische Stabilität zu schaffen, da diese die Akzeptanz des Anderen und die Anerkennung seiner Rechte voraussetzt, was dem ideologischen Fundament des Zionismus widerspricht.

In den letzten Jahren ist die Gründungslegende Israels brüchig geworden. Der Völkermordkrieg im Gazastreifen und die unverhohlenen Expansionsbestrebungen haben die letzten Reste seiner Fassade zerstört und ihm seine wichtigsten Instrumente der Soft Power geraubt. Der Staat, der sich als Demokratie bezeichnete, gleitet immer weiter in Richtung eines regelrechten Apartheidregimes ab; die Armee, die als „die moralischste“ galt, erweist sich in ihrem täglichen Handeln als die verkommenste der Welt. Mit dem Aufstieg des religiösen und nationalistischen Faschismus vertiefen sich die inneren Spaltungen, und Israel begibt sich auf einen Weg der Selbstzerstörung.

Das Zusammenwirken von nationalistischem und religiösem Extremismus ist nicht bloß eine vorübergehende politische Abweichung, sondern vielmehr ein Indikator für eine strukturelle Krise, die jede Gesellschaft bedroht. Im israelischen Fall geht dies einher mit einer Fragmentierung der Eliten, einem Kampf um die staatliche Identität und einem schwindenden Vertrauen in die Zukunft in breiten Bevölkerungsschichten. Verschärft wird dies durch rasche und tiefgreifende Veränderungen in der amerikanischen Öffentlichkeit und innerhalb des amerikanischen Judentums gegen das expansionistische zionistische Projekt – eine Entwicklung, die israelische Analysten als strategische Bedrohung einstufen.

Israel hält unterdessen an seinem engen Bündnis mit dem westlichen Imperialismus fest, das ihm bedingungslose politische und militärische Unterstützung gewährt. Doch anstatt die Krise zu lösen, verschärft dieses Bündnis sie, da es Israels Schicksal an ein globales System knüpft, das selbst eine tiefgreifende wirtschaftliche und moralische Krise durchlebt. Diese manifestiert sich in endlosen Expansionskriegen, darunter der andauernde Krieg gegen den Iran, der das Potenzial für einen umfassenderen regionalen Flächenbrand birgt.

Inmitten dieser Umbrüche sticht ein entscheidender Faktor hervor: die Standhaftigkeit des palästinensischen Volkes. Diese Standhaftigkeit, trotz aller Formen von Unterdrückung und Zerstörung, stellt nicht nur Widerstand vor Ort dar, sondern ist auch eine existenzielle Herausforderung für das zionistische Projekt, da sie dessen Grundvoraussetzung untergräbt: die Möglichkeit, das palästinensische Volk zu eliminieren oder dauerhaft zu unterwerfen.

Fast acht Jahrzehnte nach seiner Gründung, die es als Unabhängigkeit bezeichnet, scheint Israel unfähig, den von ihm angestrebten „endgültigen Sieg“ zu erringen. Es ist zur Zerstörung fähig, aber nicht zum entscheidenden Sieg; fähig, Fakten mit Gewalt durchzusetzen, aber unfähig, diese in eine stabile historische Legitimität zu verwandeln. Darin liegt sein großes Paradoxon: Je mächtiger es wird, desto zerbrechlicher wird es.

Israels heutige Krise ist keine Krise der Politik oder der Führung, sondern die Krise eines Projekts. Ein Projekt, das nicht koexistieren, sich nicht in sein Umfeld integrieren und den Menschen unter seiner Herrschaft keine Gleichberechtigung gewähren kann. Daher trägt es trotz aller Machtdemonstration den Keim seines eigenen existenziellen Dilemmas in sich.

In diesem Kontext wird die Erinnerung – die Erinnerung an die Nakba – nicht bloß zur Bewahrung der Vergangenheit, sondern zum Instrument, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten. Sie dient als ständige Mahnung, dass auf Ungerechtigkeit Gegründetes nicht von Dauer sein kann und dass Völker, ungeachtet der Dauer, fähig sind, Geschichte neu zu schreiben und neue Realitäten zu schaffen.

Die größte Herausforderung für die Palästinenser bleibt jedoch die Fähigkeit, eine umfassende nationale Autorität zu schaffen, die mit einer klaren Befreiungsvision, einem Programm für radikale interne Reformen, einer Autorität ausgestattet ist, die qualifiziert ist, die palästinensische Bevölkerung und dann die arabische Bevölkerung vom Ozean bis zum Golf, die islamischen Völker und die ganze Welt für sich zu gewinnen, und die in der Lage ist, existenzielle Gefahren und die Folgen von Völkermordverbrechen zu bewältigen und die bemerkenswerte globale Standhaftigkeit und Sympathie, die sich in beispielloser Weise ausbreitet, zu nutzen.

aus dem Arabischen: 

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